Skonto, Rabatte, Boni: So rechnen sich Labore arm
2% Skonto klingt harmlos — annualisiert sind es über 36%. Wie Dentallabore sich mit Rabatten und Boni systematisch arm rechnen. Mit konkreten Zahlen.
GetDent Redaktion
Branchenexperten für Dentallabor-Betriebswirtschaft
Neulich hat mir ein Laborchef aus dem Rheinland stolz erzählt, wie er eine große Praxis als Kunden gewonnen hat. Drei Zahnärzte, eigenes MVZ, geschätzt 80.000 Euro Jahresvolumen. Um den Zuschlag zu bekommen, hat er ein Paket geschnürt: 3% Skonto, 5% Mengenrabatt ab 4.000 Euro Monatsumsatz, dazu 2% Jahresbonus auf den Gesamtumsatz.
Er war begeistert. Endlich ein Ankerkunde.
Ich hab mit ihm gerechnet. Von den 80.000 Euro bleiben nach Abzug aller Nachlässe noch 72.200 Euro übrig. Seine Materialkosten, Technikergehälter, Miete und Betriebskosten bleiben exakt gleich. Der Auftrag, der auf dem Papier sein bester Kunde ist, frisst seine Marge bis auf die Knochen ab.
Er hat das nicht gemerkt. Nicht weil er dumm ist — sondern weil kaum ein Laborchef die Gesamtwirkung seiner Rabattstruktur kennt.
Der Skonto-Irrtum: 2% sind nicht 2%
2% Skonto bei Zahlung innerhalb von 10 Tagen, netto 30 Tage. So steht es auf fast jeder Laborrechnung. Der Branchenstandard, den niemand hinterfragt.
Auf einer Rechnung über 500 Euro sind 2% exakt 10 Euro. Das klingt nach einem vernünftigen Preis für schnelle Liquidität. Ist es aber nicht.
Die entscheidende Frage lautet: Was kostet Sie dieses Geld auf Jahresbasis?
Die Formel ist simpel:
2% ÷ 20 Zahlungstage × 365 Tage = 36,5% effektiver Jahreszins
Sie gewähren Ihrem Kunden einen Kredit zu 36,5% Zinsen — nur dass Sie der Kreditgeber sind, nicht die Bank. Für einen Bankkredit zahlen Sie derzeit 5–7%. Sie verschenken also die Differenz.
Jetzt rechnen wir das auf Ihr Labor hoch:
| Jahresumsatz | Skonto-Nutzung der Kunden | Skonto-Verlust pro Jahr |
|---|---|---|
| 300.000 € | 70% | 4.200 € |
| 500.000 € | 80% | 8.000 € |
| 800.000 € | 85% | 10.880 € |
| 1.200.000 € | 85% | 20.400 € |
Bei einer typischen Umsatzrendite im Dentallabor von 5–8% (laut VDZI-Betriebsvergleichen) bedeuten 8.000 Euro Skonto-Verlust bei 500.000 Euro Umsatz: Ein Drittel Ihres Gewinns geht für Skonto drauf.
Lesen Sie den letzten Satz nochmal.
Ein Drittel des Jahresgewinns. Für ein Zahlungsziel, das 20 Tage früher liegt.
Und das Absurde: Die meisten Praxen würden auch ohne Skonto innerhalb von 30 Tagen zahlen. Sie bezahlen für ein Verhalten, das sowieso stattfinden würde.
Mengenrabatte: Das Versprechen, das sich selten erfüllt
Der zweitbeliebteste Fehler: Mengenrabatte. „Ab 3.000 Euro Monatsumsatz gewähre ich 5% Nachlass.” Klingt nach einer klassischen Win-win-Situation. Mehr Volumen für Sie, besserer Preis für die Praxis.
In der Praxis passieren drei Dinge:
Erstens: Die Praxis erreicht die Schwelle und bekommt den Rabatt. Gut so weit. Aber sie hätte auch ohne Rabatt bei Ihnen bestellt, weil sie Ihre Arbeit schätzt und der Wechsel zu einem anderen Labor Aufwand bedeutet. Der Rabatt war ein Geschenk, keine Gegenleistung.
Zweitens: Die Praxis erreicht die Schwelle nur in guten Monaten. Im Januar und Februar kommen 1.800 Euro, im März plötzlich 4.200, weil mehrere Implantatfälle zusammenfallen. Jetzt diskutieren Sie darüber, ob der Rabatt gilt oder nicht. Das Ergebnis ist entweder ein Streitgespräch oder ein Rabatt, der auch unter der Schwelle gewährt wird — aus Kulanz. Und Kulanz wird schnell zur Gewohnheit.
Drittens: Die Praxis nutzt den Rabatt als Verhandlungsbasis für den nächsten Schritt. „Wir machen ja schon 5.000 im Monat — da müsste doch mehr als 5% drin sein.” Rabatte erzeugen Erwartungen. Und Erwartungen erzeugen Forderungen.
Das grundsätzliche Problem mit Mengenrabatten im Dentallabor: Ihr Produkt ist kein Serienteil. Jede Krone, jede Brücke, jede Prothese ist Einzelanfertigung. Ihr Aufwand sinkt nicht nennenswert, wenn eine Praxis zehn statt fünf Kronen im Monat bestellt. Der Rüstaufwand pro Fall bleibt gleich. Die Materialkosten pro Einheit bleiben gleich. Der einzige Skaleneffekt ist der Logistikaufwand — und der macht vielleicht 2% der Kosten aus.
Sie gewähren 5% Nachlass für einen Effizienzvorteil von 2%. Die restlichen 3% zahlen Sie aus Ihrer Marge.
Jahresboni: Wenn aus der Belohnung eine Erwartung wird
Jahresrückvergütungen klingen nach dem cleversten Instrument: Der Rabatt wird erst am Jahresende gewährt, basierend auf dem tatsächlichen Volumen. Kein Phantom-Volumen, keine Vorab-Geschenke.
In der Theorie.
Die Praxis sieht so aus: Im ersten Jahr ist der Bonus tatsächlich eine positive Überraschung. Im zweiten Jahr fragt der Praxismanager im Oktober, „wie viel fehlt uns noch bis zur Bonusschwelle?” Im dritten Jahr wird der Bonus in die Praxiskalkulation eingepreist — als fester Posten.
Jetzt versuchen Sie mal, den Bonus zu streichen oder zu reduzieren. Viel Spaß bei dem Gespräch.
Es gibt noch ein zweites Problem, das subtiler ist: Der Jahresbonus bestraft Sie für gute Arbeit. Je mehr eine Praxis bei Ihnen bestellt, desto mehr Bonus zahlen Sie. Bei steigendem Umsatz steigt Ihr Bonus überproportional, weil die Schwellen überschritten werden. Sie verlieren prozentual mehr, je erfolgreicher die Zusammenarbeit läuft.
Ein Beispiel:
| Jahresumsatz Praxis | Bonus-Stufe | Bonus-Betrag | Effektive Marge nach Bonus |
|---|---|---|---|
| 20.000 € | 0% | 0 € | 100% der Marge |
| 30.000 € | 2% | 600 € | ca. 96% der Marge |
| 50.000 € | 3% | 1.500 € | ca. 90% der Marge |
| 80.000 € | 5% | 4.000 € | ca. 80% der Marge |
Ihr größter Kunde erzielt Ihre schlechteste Marge. Das ist kein Kundenbindungsprogramm — das ist eine Bestrafung für Loyalität. Ihre eigene.
Die Kombinationsfalle: Wenn sich Rabatte stapeln
Jetzt wird es richtig ungemütlich. Denn die meisten Labore gewähren nicht einen Rabatt — sondern mehrere gleichzeitig. Skonto plus Mengenrabatt plus Jahresbonus. Manchmal noch ein Naturalrabatt obendrauf (jede zehnte Krone gratis), ein Sondernachlass für die Startphase, ein Kulanzrabatt weil die letzte Arbeit nicht sofort gepasst hat.
Rechnen wir das durch. Eine Praxis mit 60.000 Euro Jahresumsatz, die alle Nachlässe mitnimmt:
| Nachlassart | Prozent | Betrag |
|---|---|---|
| Skonto 2% | 2,0% | 1.200 € |
| Mengenrabatt | 5,0% | 3.000 € |
| Jahresbonus | 3,0% | 1.800 € |
| Naturalrabatt (10. Einheit frei) | ~2,5% | 1.500 € |
| Kulanz-Nachbesserungen | ~1,5% | 900 € |
| Gesamt | ~14% | 8.400 € |
Von 60.000 Euro Umsatz bleiben 51.600 Euro. Ihre Kosten — Material, Gehälter, Miete, Strom, Abschreibungen — betragen bei einer Gesamtkostenquote von 92–95% (branchentypisch laut Betriebsvergleichen) rund 55.200 bis 57.000 Euro. Bezogen auf den ursprünglichen Umsatz von 60.000 Euro.
Sie machen mit diesem Kunden Verlust. Nicht knapp. Deutlich.
Und der Laborchef wundert sich am Jahresende, warum die BWA nicht aufgeht.
Was clevere Labore anders machen
Die Lösung ist nicht, alle Rabatte abzuschaffen. Praxen erwarten Konditionen, und ein Labor, das stur auf Listenpreisen besteht, wirkt arrogant. Aber es gibt einen massiven Unterschied zwischen durchdachter Preispolitik und planlosem Nachlassen.
Skonto: Kürzer oder gar nicht. Wenn Sie Skonto gewähren, dann 1% bei Zahlung innerhalb von 5 Tagen, netto 14. Oder verzichten Sie ganz darauf und bieten stattdessen ein ordentliches Mahnwesen. Die Praxen, die Skonto systematisch nutzen, sind selten die, die Liquiditätsprobleme haben — sondern die, die konsequent jeden Nachlass mitnehmen. Die zahlen auch ohne Skonto pünktlich.
Rabatte an echte Gegenleistungen koppeln. Ein Rabatt, der nur an Volumen gekoppelt ist, ist ein Geschenk. Ein Rabatt, der an saubere digitale Auftragsübermittlung, vollständige Unterlagen und keine Nachfragen gekoppelt ist, spart Ihnen tatsächlich Geld. Eine Praxis, die perfekte Scans liefert und den Auftrag vollständig digital übermittelt, verursacht 15–20% weniger Bearbeitungsaufwand. Dafür können Sie 5% Nachlass geben und fahren trotzdem besser.
Jahresboni durch Serviceleistungen ersetzen. Statt 3% am Jahresende bieten Sie der Praxis einen echten Mehrwert: Bevorzugte Terminierung bei Eilaufträgen. Kostenlose Farbberatung vor Ort. Eine jährliche Schulung für das Praxisteam zur Abdrucknahme. Das kostet Sie weniger als der Bonus, bindet aber stärker — weil Service nicht so leicht vergleichbar ist wie ein Prozentsatz.
Nettopreise statt Brutto-minus-Rabatt. Formulieren Sie Ihre Angebote als Festpreise, nicht als Listenpreis minus X Prozent. „Ihre Zirkonkrone kostet bei uns 189 Euro” statt „Listenpreis 210 Euro minus 10% Treuerabatt”. Der psychologische Effekt: Beim Festpreis gibt es keinen Verhandlungsspielraum nach unten. Beim Rabattmodell gibt es immer die Frage: „Geht da noch was?”
Kennen Sie Ihre Schmerzgrenze. Jedes Labor braucht eine kalkulierte Untergrenze pro Leistung. Was kostet Sie eine Vollkeramikkrone in Material, Arbeitszeit und anteiligen Gemeinkosten? Wenn diese Grenze bei 145 Euro liegt, dann ist jeder Auftrag unter 145 Euro ein Zuschussgeschäft — egal wie viel Volumen die Praxis verspricht. Kein Volumen der Welt macht Verlust pro Einheit durch Menge wett. Das ist die Arithmetik, an der schon Handelsketten gescheitert sind.
Die unbequeme Rechnung am Jahresende
Nehmen Sie sich eine Stunde. Nur eine. Ziehen Sie Ihre Umsatzliste der letzten zwölf Monate und rechnen Sie für Ihre fünf größten Kunden folgendes aus:
- Brutto-Umsatz laut Aufträgen
- Minus Skonto (tatsächlich gezogen, nicht gewährt)
- Minus Mengenrabatte
- Minus Boni und Rückvergütungen
- Minus Kulanz und Gutschriften
- Minus Nacharbeiten und Garantieleistungen
Das Ergebnis ist Ihr Netto-Netto-Umsatz. Und jetzt vergleichen Sie den mit Ihren Kosten für diesen Kunden.
Ich wette, mindestens einer Ihrer Top-5-Kunden liegt unter der Kostendeckung. Und ich wette, es ist der, auf den Sie besonders stolz sind, weil er so viel Umsatz bringt.
Umsatz ist nicht Gewinn. Diese Binsenweisheit kennt jeder. Aber im Alltag zwischen Fräsmaschine und Telefonklingeln vergisst man sie. Vor allem dann, wenn der Umsatz auf dem Kontoauszug gut aussieht — und der Gewinn erst in der BWA sichtbar wird. Oder eben nicht sichtbar wird.
Hören Sie auf, Ihre besten Kunden am schlechtesten zu bezahlen. Jeder Rabatt, den Sie gewähren, muss sich rechnen — für Sie. Nicht nur für die Praxis.
Und wenn eine Praxis nur wegen des Preises bei Ihnen ist, dann ist sie morgen beim nächsten Labor, das 0,5% billiger anbietet. Diesen Kunden wollen Sie nicht halten. Den wollen Sie ziehen lassen.
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