Edelmetall im Labor: Goldpreis, Scheidgut, Margen
Goldpreise auf Rekordhoch, Scheidgut im Tresor, Zuschläge falsch kalkuliert — wie Dentallabore mit Edelmetall Geld verdienen oder verlieren.
GetDent Redaktion
Branchenexperten für Laborkalkulation und Edelmetall-Management
In der Schublade unter der Werkbank liegt ein Plastikbeutel. Darin: Gussreste, Stege, alte Kronen aus der Reparaturabteilung, ein paar Fräsreste. Gold, Platin, Palladium — alles durcheinander, seit Monaten gesammelt. Irgendwann bringt es jemand zur Scheideanstalt. Irgendwann.
Dieser Beutel ist in vielen Dentallaboren Alltag. Und er steht sinnbildlich für ein Problem, das die wenigsten Laborinhaber auf dem Schirm haben: Edelmetall-Management wird in den meisten Betrieben behandelt wie eine Nebensache. Ein bisschen Gold hier, ein Zuschlag dort, einmal im Jahr Scheidgut abgeben — fertig.
Das war vertretbar, als der Goldpreis bei 1.200 Euro pro Unze lag. Bei über 2.800 Euro ist es fahrlässig.
Edelmetall ist nicht tot — es hat sich verlagert
Ja, Zirkonoxid hat die Vollgusskrone verdrängt. Ja, NEM-Legierungen dominieren das Kassensegment. Wer nur auf die Stückzahlen schaut, könnte meinen, dass Edelmetall im Dentallabor keine Rolle mehr spielt.
Die Realität sieht anders aus. Edelmetall lebt — in anderen Arbeitsgebieten:
| Anwendung | Typischer Edelmetallanteil |
|---|---|
| Teleskoparbeiten (Primär- und Sekundärteile) | 8–25 g Hochgold pro Arbeit |
| Galvanotechnik | 3–8 g pro Gerüst |
| Aufbrennlegierungen für VMK | 2–5 g pro Einheit |
| Modellguss mit Edelmetall-Klammern | 3–6 g pro Arbeit |
| Reparaturen / Erweiterungen an Bestandsarbeiten | variabel, oft 1–4 g |
| Stiftaufbauten und Stege | 2–10 g pro Einheit |
Ein Labor, das regelmäßig Teleskopprothetik fertigt, verarbeitet pro Jahr schnell fünf bis zehn Kilogramm Edelmetall. Bei einem Goldpreis von 85 bis 95 Euro pro Gramm (Feingold, Stand Frühjahr 2026) sind das Materialwerte von 400.000 bis 900.000 Euro, die durch die Werkstatt wandern. Pro Jahr.
Das ist kein Randthema. Das ist ein eigener Geschäftsbereich, der in den meisten Laboren keinen eigenen Prozess hat.
Scheidgut: Das Geld in der Schublade
Jedes Labor, das mit Edelmetall arbeitet, produziert Scheidgut. Gusskanäle, Polierspäne, Fräsreste, alte Arbeiten aus Reparaturen, Fehlgüsse. Je nach Arbeitsvolumen sammeln sich pro Jahr zwischen 200 und 2.000 Gramm Material an — in unterschiedlichen Legierungen und Feingehalten.
Das Problem: In vielen Laboren liegt dieses Scheidgut monatelang herum. Manchmal in einem Tresor, manchmal in besagtem Plastikbeutel. Die Gründe sind immer die gleichen:
- Kein Überblick, wie viel Scheidgut vorhanden ist
- Kein fester Prozess, wann und wie es zur Scheideanstalt geht
- Kein Vergleich zwischen verschiedenen Scheideanstalten
- Kein Zusammenhang zwischen Scheidgut-Erlös und dem Auftrag, aus dem es stammt
Das ist betriebswirtschaftlich absurd. Stellen Sie sich vor, ein Bäcker würde sein Wechselgeld monatelang in einer Tüte sammeln und irgendwann mal zählen. Kein Mensch käme auf die Idee.
Aber genau so behandeln viele Labore Materialreste, die pro Gramm 30 bis 90 Euro wert sind.
Was Scheidgut in der Praxis bringt — ein Rechenbeispiel:
Ein mittelgroßes Labor mit acht Technikern, das monatlich vier bis sechs Teleskoparbeiten und diverse VMK-Arbeiten fertigt, sammelt pro Quartal etwa 300 bis 500 Gramm Scheidgut in verschiedenen Legierungen. Nach dem Scheidevorgang (Raffination auf Feingold/-platin/-palladium) und abzüglich der Scheidekosten bleiben typischerweise 60 bis 70 Prozent des Materialwerts übrig.
Bei einem durchschnittlichen Feingehalt von 60 Prozent Gold und einem Goldpreis von 88 Euro pro Gramm ergibt sich:
- 400 g Scheidgut × 60 % Feingehalt = 240 g Feingold
- 240 g × 88 €/g = 21.120 € Bruttowert
- Abzüglich 8–12 % Scheidekosten ≈ 18.500–19.400 € Nettoerlös
- Pro Jahr: 74.000–78.000 Euro
Das ist kein Taschengeld. Das ist ein Mitarbeitergehalt. Und es liegt in der Schublade, bis sich jemand darum kümmert.
Edelmetallzuschlag: Die Kalkulation, die keiner versteht
Die wenigsten Labore verdienen am Edelmetall selbst. Die Marge entsteht an der Verarbeitung, an der Zahntechnik. Das Material wird — zumindest theoretisch — zum Tagespreis an die Praxis weiterberechnet, als Edelmetallzuschlag auf der Rechnung.
Theoretisch. Praktisch geht hier erstaunlich viel Geld verloren.
Fehler Nummer eins: Festpreise statt Tagespreise. Manche Labore arbeiten mit Preislisten, in denen der Edelmetallpreis fest einkalkuliert ist. Das funktioniert, solange der Goldpreis stabil bleibt. Steigt er innerhalb eines Quartals um fünf Prozent — was in den letzten Jahren mehrfach passiert ist —, trägt das Labor die Differenz. Bei einem Auftrag mit 15 Gramm Gold sind fünf Prozent Preisanstieg 66 Euro Verlust. Pro Auftrag. Bei 20 solchen Aufträgen im Monat: 1.320 Euro, die niemand bemerkt.
Fehler Nummer zwei: Falscher Bezugspunkt. Die BEB (Bundeseinheitliche Benennungsliste) kennt die Position „Edelmetallzuschlag” — aber sie sagt nichts darüber, wie der Zuschlag berechnet wird. Manche Labore nehmen den Einkaufspreis ihrer Legierung, andere den Feingoldpreis laut Börse, wieder andere einen „hauseigenen” Preis. Das Problem: Ohne transparente Berechnungsgrundlage gibt es regelmäßig Diskussionen mit Praxen, und die Labore knicken ein.
Fehler Nummer drei: Verschnitt wird nicht berechnet. Beim Guss geht Material verloren — in Gusskanälen, durch Polierverlust, durch Fräsabfall. Je nach Verfahren sind das fünf bis fünfzehn Prozent des eingesetzten Materials. Wer diesen Verschnitt nicht in die Kalkulation einrechnet, verschenkt ihn.
Ein sauberer Edelmetallzuschlag enthält:
- Den Feingoldpreis am Tag der Verarbeitung (nicht am Tag der Bestellung)
- Die tatsächlich eingesetzte Menge plus Verschnittfaktor
- Die Legierungskosten (Silber, Kupfer, Zink, Platin, Palladium als Legierungsbestandteile)
- Einen Handlingzuschlag für Beschaffung, Lagerung und Verwaltung
Die meisten Labore rechnen nur Punkt eins und zwei ab — wenn überhaupt korrekt. Punkt drei und vier bleiben auf der Strecke.
Scheideanstalten: Nicht jede ist gleich
Das Scheidgut zur nächsten Scheideanstalt zu bringen, klingt einfach. Tüte abgeben, ein paar Wochen warten, Gutschrift kassieren. In der Praxis unterscheiden sich die Konditionen erheblich — und die meisten Labore vergleichen nie.
Worauf Sie achten sollten:
Scheidekosten. Üblich sind acht bis zwölf Prozent des ermittelten Edelmetallwerts. Manche Anstalten werben mit niedrigen Scheidekosten, rechnen aber den Feingehalt konservativ. Das Ergebnis ist dasselbe: weniger Geld.
Analyse und Transparenz. Seriöse Scheideanstalten schicken Ihnen einen detaillierten Analysebericht: Gewicht des Scheidguts, ermittelter Feingehalt pro Metall, angewandter Tageskurs, Abzüge. Wenn Sie nur eine Zahl ohne Herleitung bekommen, sollten Sie wechseln.
Abrechnungskurs. Der Goldpreis schwankt täglich. Manche Anstalten rechnen zum Tageskurs bei Eingang, andere zum Kurs bei Fertigstellung der Analyse (oft zwei bis vier Wochen später). Bei steigendem Goldpreis ist der spätere Kurs besser, bei fallendem schlechter. Fragen Sie nach, welcher Kurs gilt — und lassen Sie es sich schriftlich bestätigen.
Mindestmengen und Abholservice. Einige Anstalten bieten kostenlose Abholung ab einer bestimmten Menge an. Andere berechnen Versandkosten. Bei kleineren Mengen kann es sich lohnen, zwei bis drei Monate zu sammeln — aber nicht länger, weil gebundenes Kapital auch Kapital ist.
| Kriterium | Guter Anbieter | Fragwürdiger Anbieter |
|---|---|---|
| Scheidekosten | 8–10 % transparent ausgewiesen | „Pauschalpreis” ohne Aufschlüsselung |
| Analysebericht | Detailliert pro Metall | Nur Endsumme |
| Kursstellung | Klar definiert (Eingang oder Analyse) | Nicht kommuniziert |
| Bearbeitungszeit | 2–4 Wochen | 6–8 Wochen oder unklar |
| Versicherung während Transport | Inklusive | Nicht erwähnt |
Ein Vergleich zwischen zwei Scheideanstalten bei 500 Gramm Scheidgut kann einen Unterschied von 1.500 bis 3.000 Euro ausmachen. Pro Lieferung. Wer das nicht prüft, verschenkt Geld.
Das Finanzamt und das Edelmetall
Edelmetall ist steuerlich heikel. Nicht weil die Regeln kompliziert sind, sondern weil viele Labore sie nicht konsequent anwenden.
Bestandsführung. Das Finanzamt erwartet, dass ein Labor seinen Edelmetallbestand dokumentiert. Eingang, Verbrauch, Scheidgut — alles muss nachvollziehbar sein. Bei einer Betriebsprüfung wird der Edelmetallbestand mit den Einkaufsrechnungen und den an Kunden berechneten Zuschlägen abgeglichen. Wenn die Differenz nicht erklärbar ist, wird geschätzt. Und Schätzungen fallen selten zugunsten des Labors aus.
Bewertung zum Stichtag. Edelmetallvorräte müssen zum Bilanzstichtag bewertet werden — und zwar zum niedrigeren Wert aus Anschaffungskosten und Tageswert (strenges Niederstwertprinzip). Bei stark gestiegenem Goldpreis kann der Bilanzwert deutlich unter dem Marktwert liegen. Das ist steuerlich vorteilhaft, muss aber korrekt dokumentiert sein.
Umsatzsteuer auf Scheidgut-Erlöse. Die Gutschrift der Scheideanstalt ist umsatzsteuerpflichtig. Das klingt offensichtlich, wird aber gelegentlich übersehen — besonders wenn die Gutschrift als „Materialgutschrift” verbucht wird statt als Erlös.
Sprechen Sie mit Ihrem Steuerberater, wenn Sie unsicher sind. Edelmetall-Buchhaltung ist kein Hexenwerk, aber sie erfordert Sorgfalt. Und die Beträge sind hoch genug, dass Fehler teuer werden.
Fünf Maßnahmen, die sofort wirken
Edelmetall-Management muss nicht kompliziert sein. Aber es muss existieren. Fünf Schritte, die jedes Labor umsetzen kann:
1. Wiegen Sie Ihr Scheidgut monatlich. Nicht schätzen, nicht raten — wiegen. Eine Feinwaage kostet 50 Euro. Tragen Sie das Gewicht in eine Liste ein. Allein das Bewusstsein, was sich ansammelt, verändert den Umgang damit.
2. Liefern Sie quartalsweise an die Scheideanstalt. Nicht jährlich, nicht „wenn der Beutel voll ist”. Alle drei Monate. Das bindet weniger Kapital, gibt Ihnen regelmäßige Erlöse, und Sie haben einen besseren Überblick über Ihre Materialflüsse.
3. Aktualisieren Sie Ihren Edelmetallzuschlag monatlich. Prüfen Sie den Goldpreis am Ersten jedes Monats und passen Sie Ihren Zuschlag an. Kommunizieren Sie das gegenüber Ihren Praxen transparent: „Unser Edelmetallzuschlag basiert auf dem Londoner Fixing zum Monatsersten.” Das ist professionell und verhindert Diskussionen.
4. Vergleichen Sie Ihre Scheideanstalt. Schicken Sie einmal im Jahr eine Probe an einen zweiten Anbieter. Gleiche Menge, gleicher Zeitraum. Vergleichen Sie Ergebnis und Konditionen. Sie werden überrascht sein, wie groß die Unterschiede sein können.
5. Dokumentieren Sie den Materialfluss digital. Einkauf, Verarbeitung, Verschnitt, Scheidgut — alles in einem System. Keine Zettel, keine Excel-Tabellen, die niemand pflegt. Wenn Ihr Laborsystem den Edelmetallverbrauch pro Auftrag erfassen kann, nutzen Sie diese Funktion. Wenn nicht, ist das ein Grund, über ein Upgrade nachzudenken.
Die unbequeme Rechnung
Rechnen wir zusammen, was ein durchschnittliches Labor durch schlampiges Edelmetall-Management pro Jahr verliert:
- Zu spät eingereichtes Scheidgut (Kapitalbindung, 3 Monate zu lang): 800–1.500 € entgangene Zinsen oder Liquidität
- Falsch kalkulierte Edelmetallzuschläge (5 % Preisanstieg nicht weitergegeben): 3.000–8.000 €
- Verschnitt nicht einkalkuliert (10 % Materialverlust bei 5 kg/Jahr): 4.000–9.000 €
- Scheideanstalt nie verglichen (2–4 % Differenz bei 2 kg Scheidgut/Jahr): 1.500–3.500 €
Summe: 9.300–22.000 Euro pro Jahr. Ohne dass jemand einen Fehler bemerkt. Es steht in keiner Reklamationsstatistik, es taucht in keinem Qualitätsbericht auf. Es verschwindet einfach — in der Differenz zwischen „ungefähr richtig” und „korrekt kalkuliert”.
Für ein Labor mit acht bis zwölf Mitarbeitern ist das der Unterschied zwischen einem normalen und einem guten Jahr. Zwischen „es reicht gerade” und „wir können investieren”.
Edelmetall-Management ist nicht glamourös. Es bringt keine neuen Kunden, es gewinnt keine Preise, und auf dem nächsten Branchentreffen redet niemand darüber.
Aber es bringt Geld. Echtes, zählbares Geld. Jeden Monat. Und alles, was es braucht, ist eine Waage, ein System und die Disziplin, einmal im Monat hinzuschauen.
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