Zirkon, NEM, Presskeramik: Welches Material bringt Marge?
Nicht jedes Material verdient gleich gut. Eine ehrliche Margenanalyse pro Werkstoff — mit konkreten Zahlen, Kalkulationsbeispielen und strategischen Konsequenzen.
GetDent Redaktion
Kalkulationsexperten für Dentallabore
Montag, 7:30 Uhr. Zwei Aufträge auf dem Tisch. Beide: Einzelkrone, zweiter Prämolar, Kassenpatient. Der eine Zahnarzt will Zirkon monolithisch. Der andere NEM mit keramischer Verblendung. Gleiche BEL-Position. Gleicher Festzuschuss.
Und trotzdem verdient das Labor an einer der beiden Kronen doppelt so viel wie an der anderen.
Wer das nicht auf den Cent genau beziffern kann, hat ein Problem. Kein kleines. Denn die Materialwahl bestimmt nicht nur die Qualität der Arbeit — sie bestimmt, ob am Ende des Monats schwarze oder rote Zahlen stehen. Die meisten Laborleiter kennen ihre Materialkosten. Rohling: X Euro. Legierung: Y Euro pro Gramm. Das ist der einfache Teil. Der schwierige Teil ist die Frage, was ein Material wirklich kostet — wenn man Verarbeitungszeit, Maschinenabnutzung, Ausschussrate und Nacharbeit einrechnet.
Die gängigen Werkstoffe im Margenvergleich
Fünf Materialgruppen dominieren den Laboralltag:
Zirkonoxid — der Alleskönner, der in den letzten zehn Jahren den Markt erobert hat. Von transluzent bis hochfest, von monolithisch bis verblendet. Rund 65% aller festsitzenden Restaurationen in Deutschland bestehen mittlerweile aus Zirkon, nach Angaben des VDZI.
NEM-Legierungen (Nichtedelmetall) — der Klassiker bei Kassenarbeiten. Günstiger Werkstoff, bewährte Verarbeitungskette, aber arbeitsintensiv bei Verblendung.
Lithiumdisilikat (Presskeramik) — das Ästhetik-Material für den Frontzahnbereich und Einzelkronen. Hohe Transluzenz, gute mechanische Eigenschaften, aber teurer Rohling und anfällig für Fehlpressungen.
Edelmetall-Legierungen — einmal der Standard, jetzt Nische. Goldpreis über 85 Euro pro Gramm macht die Kalkulation anspruchsvoll. Aber manche Zahnärzte bestehen darauf — besonders im Seitenzahnbereich.
PMMA und PEEK — die Newcomer für provisorische und herausnehmbare Versorgungen. Günstig im Material, schnell in der Verarbeitung, aber begrenzt im Anwendungsspektrum.
Was alle fünf gemeinsam haben: Keiner dieser Werkstoffe ist grundsätzlich unrentabel. Aber die Margenunterschiede zwischen ihnen sind brutal — und die meisten Labore ahnen das nur, statt es zu wissen.
Was eine Krone wirklich kostet: Die ehrliche Rechnung
Die Standardformel — Materialkosten plus Arbeitszeit mal Stundensatz — reicht nicht. Da fehlen Maschinenkosten pro Einheit, Ausschussrate, Nacharbeitszeit und Opportunitätskosten. Wenn die Fräsmaschine 90 Minuten für einen Zirkon-Block braucht, kann sie in dieser Zeit nichts anderes fräsen.
Eine realistische Kalkulation für eine Einzelkrone sieht so aus:
| Kostenposition | Zirkon monolithisch | NEM verblendet | Presskeramik |
|---|---|---|---|
| Material/Rohling | 12–18 € | 6–10 € (Legierung) | 22–30 € |
| Verbrauchsmaterial | 4–6 € | 8–15 € (Opaker, Keramik) | 5–8 € |
| Maschinenzeit (anteilig) | 8–12 € | 3–5 € | 6–10 € |
| Arbeitszeit Techniker | 35–50 min | 70–100 min | 45–65 min |
| Gesamtkosten (bei 85 €/h) | ~75–95 € | ~110–155 € | ~95–125 € |
| Typischer Erlös (BEL + BEB) | 130–160 € | 130–155 € | 150–180 € |
| Marge pro Stück | 35–65 € | 0–45 € | 25–55 € |
Die Zahlen basieren auf VDZI-Betriebsvergleichen und Innungskennzahlen. Jedes Labor hat andere Fixkosten und Einkaufskonditionen — die Tendenz ist aber branchenweit ähnlich.
Die Botschaft ist klar: Zirkon monolithisch hat die beste Marge pro Stück. Wenig Handarbeit, planbarer Prozess, kalkulierbare Maschinenkosten.
NEM mit Verblendung dagegen ist der stille Margenfresser. Die Legierung kostet fast nichts, aber die Verarbeitungszeit vernichtet den Vorteil. Aufwachsen, Einbetten, Gießen, Ausbetten, Aufpassen, Gerüst beschleifen, Opaker, Dentin, Schneide, Glasur — das sind 70 bis 100 Minuten Handarbeit für eine einzelne Krone. Wer den Stundensatz ehrlich ansetzt, verdient an einer NEM-Verblendkrone oft weniger als an einer monolithischen Zirkonkrone, obwohl der Rohling ein Bruchteil kostet.
Presskeramik liegt dazwischen. Höhere Materialkosten, aber weniger Verarbeitungsschritte als NEM-Verblendung. Die Marge ist akzeptabel — solange keine Fehlpressungen passieren.
Die versteckten Kostentreiber
Die Stückkalkulation ist die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte versteckt sich in Posten, die auf keinem Auftragszettel stehen.
Ausschussrate. Bei Zirkon monolithisch liegt sie in gut organisierten Laboren bei 1–3%. Bei Presskeramik eher bei 3–5%, wenn man gesprungene Rohlinge und Fehlpressungen mitzählt. Bei NEM-Guss mit Verblendung können es 5–8% werden, sobald Nachbrände und Korrekturen hinzukommen. Jedes defekte Werkstück kostet Material UND Zeit — und die verlorene Arbeitszeit ist der teurere Posten.
Ofenkapazität. Zirkon sintern: 8–12 Stunden, aber unbeaufsichtigt — der Ofen arbeitet über Nacht. NEM-Verblendung erfordert separate Brennzyklen für Opaker, Dentin und Glasur — drei Mal den Ofen belegen für ein Werkstück, jeweils mit Auf- und Abkühlphase. Wer die Ofenzeit nicht kalkuliert, verschenkt einen der teuersten Engpassfaktoren im Labor.
Lagerkosten. Edelmetall bindet Kapital. Ein Labor, das Goldlegierung für 20.000 Euro im Tresor hat, zahlt dafür Opportunitätskosten. Zirkon-Rohlinge binden deutlich weniger Kapital — ein Dreimonatsvorrat kostet vielleicht 800 Euro statt 20.000.
Reklamationsquote. Monolithisches Zirkon hat extrem niedrige Frakturraten. Verblendkeramik auf NEM-Gerüst chippt gelegentlich ab — laut Langzeitstudien bei 2–5% nach fünf Jahren. Jede Nacharbeit kostet Zeit und Material, ohne zusätzlichen Erlös. Das summiert sich.
Marge pro Stunde statt Marge pro Stück
Hier wird es strategisch. Die Marge pro Einheit ist eine Kennzahl für den Einkauf. Die Kennzahl für den Unternehmer ist eine andere: Marge pro Technikerstunde — also wie viel Deckungsbeitrag ein Mitarbeiter pro Arbeitsstunde erwirtschaftet.
| Material | Marge pro Stück | Technikerzeit | Marge pro Stunde |
|---|---|---|---|
| Zirkon monolithisch | ~50 € | ~40 min | ~75 €/h |
| Presskeramik | ~40 € | ~55 min | ~44 €/h |
| Edelmetall verblendet | ~55 € | ~95 min | ~35 €/h |
| NEM verblendet | ~20 € | ~85 min | ~14 €/h |
Diese Tabelle erzählt eine andere Geschichte als der Blick auf Materialpreise.
Edelmetall hat eine ordentliche Stückmarge — aber die Verarbeitungszeit zieht den Stundenwert herunter. NEM verblendet sieht auf dem Kassenzettel nach einem Auftrag aus, bringt aber pro investierte Technikerstunde so wenig, dass man sich fragen muss: Rechnet sich das überhaupt?
Die Antwort ist unbequem: In vielen Laboren nicht.
Wenn ein Zahntechniker acht Stunden am Tag arbeitet und ausschließlich NEM-Verblendkronen fertigt, erwirtschaftet er rund 112 Euro Deckungsbeitrag. Fertigt er stattdessen Zirkonkronen monolithisch, sind es 600 Euro. Gleicher Techniker, gleicher Tag, fünfmal mehr Marge.
Natürlich ist das eine Milchmädchenrechnung. Kein Labor fertigt nur einen Materialtyp. Kein Techniker kann acht Stunden durchfräsen. Und die Aufträge bestimmt der Zahnarzt, nicht die Margentabelle. Aber die Größenordnung sollte jeden Laborleiter aufhorchen lassen.
Fünf Hebel für bessere Materialmargen
Was lässt sich konkret tun? Ab morgen, nicht ab nächstem Jahr.
1. Eigene Zahlen berechnen. Stoppen Sie eine Woche lang die Zeiten für verschiedene Materialien. Nicht die Branchenstatistik — Ihre eigenen Zeiten, Ihre eigenen Materialkosten, Ihr eigener Ausschuss. Fünf Arbeitstage, fünf Materialgruppen. Am Freitag haben Sie fünf Zahlen, die Ihr Controlling revolutionieren.
2. Den Material-Mix aktiv verschieben. Wenn 40% Ihres Umsatzes aus NEM-Verblendung kommen, prüfen Sie ob ein Teil als Zirkon monolithisch angeboten werden kann. Nicht dem Zahnarzt aufdrängen — aber bei der nächsten Bestellung die Alternative vorschlagen. Monolithisches Zirkon der neuesten Generation ist ästhetisch deutlich besser als sein Ruf. Ein Muster überzeugt mehr als jedes Argument.
3. NEM-Verblendung ehrlich bepreisen. Wenn die ehrliche Kalkulation zeigt, dass Sie bei NEM-Verblendkronen 14 Euro pro Technikerstunde verdienen, ist das kein Geschäftsmodell. Entweder den Preis für diese Leistung erhöhen — über BEB-Eigenleistungen ist bei Privatpatienten Spielraum — oder sich bewusst machen, dass diese Aufträge von profitableren Arbeiten quersubventioniert werden.
4. In Geschwindigkeit investieren. Eine schnellere Fräsmaschine amortisiert sich über die Maschinenzeit pro Einheit. Wenn das aktuelle Gerät 14 Minuten pro Krone braucht und das neue 8 Minuten, sparen Sie bei 15 Einheiten am Tag 90 Minuten Maschinenkapazität. Das rechnet sich in Monaten, nicht in Jahren.
5. Edelmetall dynamisch bepreisen. Der Goldpreis schwankt. Wer in der Preisliste einen festen Grammpreis stehen hat, verliert bei steigendem Kurs und gewinnt bei fallendem. Koppeln Sie den Legierungszuschlag an den aktuellen Börsenpreis — Zahnarztpraxen kennen das von ihren eigenen Materialzuschlägen.
Der blinde Fleck: Herausnehmbare Prothetik
Über festsitzende Restaurationen reden alle. Über herausnehmbare Prothetik redet kaum jemand — und genau da schlummern die größten Margenprobleme.
Teleskopprothesen sind technisch anspruchsvoll. Primärteleskope erfordern Fräsung auf den Mikrometer genau. Sekundärteleskope müssen exakt passen. Dazu kommen Kunststoffbasis, Zahnaufstellung, Fertigstellung. Gesamtarbeitszeit für eine Teleskoparbeit auf vier Pfeilern: 12 bis 18 Technikerstunden.
Materialkosten allein: 400 bis 800 Euro, je nach Legierung und Pfeileranzahl. BEL-Erstattung plus typischer BEB-Anteil: 1.200 bis 2.000 Euro. Klingt nach Marge.
Gegenrechnung: 15 Technikerstunden à 85 Euro Stundensatz = 1.275 Euro Personalkosten. Plus Material. Plus Gemeinkosten. Die Marge schmilzt auf unter 200 Euro.
In denselben 15 Stunden hätte der Techniker theoretisch 22 Zirkonkronen fertigen können — mit einer Gesamtmarge von rund 1.100 Euro.
Das heißt nicht, keine Teleskoparbeiten mehr anzunehmen. Es heißt, den Preis dafür zu kennen. Eine Teleskoparbeit, die unter 1.800 Euro abgerechnet wird, ist in den meisten Laboren ein Verlustgeschäft. Wer das weiß, kann in der nächsten Preisverhandlung mit Zahlen argumentieren statt mit Bauchgefühl.
Marge ist keine Frage des Umsatzes. Marge ist eine Frage der Materialstrategie.
Die eine Sache, die Sie diese Woche tun sollten
Nehmen Sie Ihre fünf umsatzstärksten Materialgruppen. Berechnen Sie für jede die Marge pro Technikerstunde. Fünf Zahlen, eine halbe Stunde Arbeit.
Wenn eine dieser Zahlen unter 30 Euro pro Stunde liegt, subventionieren Sie diese Arbeit mit den Erträgen aus profitableren Aufträgen. Das ist kein nachhaltiges Modell.
Wenn alle fünf Zahlen über 50 Euro liegen, machen Sie vieles richtig.
Und wenn Sie feststellen, dass Ihr meistgefertigtes Material gleichzeitig Ihr margenschwächstes ist — dann wissen Sie jetzt zumindest, wo der Hebel liegt. Nicht beim Einkaufspreis. Nicht bei der Auftragsmenge. Sondern bei der Frage, welche Arbeit wie lange dauert und was am Ende davon übrig bleibt.
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