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Zahntechnik 12. Mai 2026 · 11 Min. Lesezeit

Kobalt-Chrom oder Edelmetall: Wann welche Legierung wirklich richtig ist

Die Legierungsfrage entscheidet über Marge, Stabilität und Patientenakzeptanz. Eine Analyse aus Laborsicht — mit klaren Indikationen, BEB-Konsequenzen und einer Rechnung, warum NEM nicht immer der billigere Weg ist.

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GetDent Redaktion

Branchenexperten für Dentallabor-Werkstoffkunde

Ein Modellguss kommt auf den Tisch. Der Stift im Auftragsschein steht auf „NEM” — wie inzwischen bei vier von fünf Fällen. Niemand hat den Patienten gefragt, ob Edelmetall infrage käme. Niemand hat dem Behandler vorgerechnet, was bei diesem speziellen Fall die wirtschaftlich sinnvollere Wahl wäre. Der Reflex ist da: NEM ist billiger, also nehmen wir NEM.

Dieser Reflex kostet Labore jedes Jahr fünfstellige Beträge — manchmal durch verlorene Marge, manchmal durch Nacharbeit, manchmal durch verlorenes Vertrauen, wenn eine Restauration nach drei Jahren bricht oder eine Allergiereaktion auftritt.

Die Entscheidung zwischen Kobalt-Chrom und Edelmetall ist keine Glaubensfrage. Es geht um saubere Indikation, korrekte Verarbeitung und eine ehrliche Kalkulation, die auch die Folgekosten einbezieht.

Was die beiden Legierungen wirklich unterscheiden

Kobalt-Chrom (NEM)

Kobalt-Chrom-Molybdän-Legierungen — in der Praxis pauschal „NEM” genannt — bestehen typischerweise aus 60-65% Kobalt, 25-30% Chrom, 4-6% Molybdän, Rest Wolfram, Silizium und Spuren anderer Elemente. Die Zugfestigkeit liegt zwischen 800 und 1.100 MPa, die Dehngrenze bei 600-800 MPa. Das Material ist hart, federelastisch und mit modernem Lasersintern oder Fräsen aus Sinterrohlingen reproduzierbar verarbeitbar.

Materialkosten pro Modellguss-Einheit (Klammer- oder Skelettgerüst): 8-15 Euro, je nach Gewicht und Bezugsquelle. Die Verarbeitungsmarge ist hoch — solange die Prozesse stimmen.

Edelmetall

Hochgoldhaltige Aufbrennlegierungen (Au-Pt-Pd-Basis, 70-85% Goldanteil) und reduzierte Goldlegierungen (40-50% Au, Rest Pd, Ag, Cu) decken den Edelmetall-Bereich ab. Für Modellguss kommen meist Co-reduzierte Goldlegierungen oder Palladium-basierte Aufbrennlegierungen zum Einsatz, deren Zugfestigkeit zwischen 700 und 950 MPa liegt — vergleichbar mit NEM, aber bei deutlich höherer Duktilität.

Materialkosten pro Modellguss-Einheit: 180-450 Euro, schwankt täglich mit dem Goldfixing. Die Materialkostenstruktur ist anders: Hohe Vorfinanzierung, geringe Verarbeitungsmarge auf das Material selbst, dafür höhere Stundenmarge auf die Arbeit.

Wer reagiert auf was?

Allergische Reaktionen sind selten, aber wenn sie auftreten, sind sie ein massives Folgeproblem. Die wichtigsten Auslöser:

  • Nickel: Sensibilisierungsrate in der Bevölkerung 10-15% (Frauen), 5-8% (Männer). In modernen NEM-Legierungen ist Nickel zwar nicht mehr enthalten — moderne Co-Cr ist nickelfrei — aber Patienten verbinden „Metalllegierung” oft pauschal mit Nickel. Hier hilft die ehrliche Aufklärung.
  • Kobalt: Die Sensibilisierungsrate liegt nach dermatologischen Studien bei 1-3%. Kreuzreaktionen mit Nickel sind dokumentiert. Bei Nickel-Allergikerinnen lohnt ein Epikutantest vor der Anfertigung — die Krankenkasse übernimmt diesen in der Regel mit ärztlicher Indikation.
  • Chrom: Sensibilisierung 0,5-1%, fast immer durch berufliche Exposition, selten dental relevant.
  • Palladium: Sensibilisierung etwa 1%, höher bei Goldlegierungen mit Pd-Anteil über 30%.
  • Gold: Sensibilisierung unter 0,5%, fast immer nur in Form von Goldnatriumthiosulfat — klinisch kaum relevant.

In der Praxis bedeutet das: Wenn ein Patient mit Verdacht auf Metallallergie kommt, ist Edelmetall (insbesondere reduziertes Gold ohne Palladium) statistisch die sicherere Wahl. Aber: Ein dokumentierter Epikutantest schützt das Labor und den Behandler — pauschale „auf alles allergisch”-Aussagen sind kein Grund, ohne Test auf Edelmetall zu wechseln.

Klinische Indikationen — wo NEM tatsächlich besser ist

NEM ist nicht der Kompromiss-Werkstoff, als der er oft behandelt wird. In mehreren Indikationen ist Kobalt-Chrom dem Edelmetall mechanisch überlegen:

  • Filigrane Klammern: Die höhere Federelastizität von Co-Cr erlaubt dünnere Klammerarme bei gleicher Retention. Eine 0,9-mm-Klammer in NEM hält oft besser als eine 1,1-mm-Klammer in Edelmetall.
  • Großflächige Skelette mit großer Spannweite: Die Steifigkeit von Co-Cr verhindert Durchbiegung bei freiendsituationen.
  • Implantatgestützte Suprastrukturen mit geringer Pfeileranzahl: Wo Steifigkeit zählt, ist NEM die Standardwahl.

Edelmetall spielt seine Stärken aus bei:

  • Allergie-Patienten mit dokumentierter Kobalt- oder Chrom-Sensibilisierung
  • Hochwertigen kombinierten Arbeiten mit Geschiebe oder Riegel, bei denen die Goldduktilität präzises Einschleifen erlaubt
  • Patienten mit ausgeprägtem Bruxismus, bei denen die geringere Härte des Edelmetalls die antagonistische Zahnsubstanz schont
  • Lötarbeiten und nachträglichen Erweiterungen — Edelmetall lässt sich präzise und reproduzierbar löten, NEM nur eingeschränkt

Die Margenrechnung — warum NEM nicht automatisch wirtschaftlicher ist

Hier ist die Rechnung, die in vielen Laboren nicht offen gemacht wird. Beispiel: Modellguss-Klammergerüst Oberkiefer, mittlere Komplexität, 12 g Materialgewicht.

PositionNEMEdelmetall (reduziertes Gold)
Materialeinkauf pro Einheit10 €280 €
Materialberechnung an Praxis18 €360 € (mit BEB-Goldzuschlag)
Materialmarge8 €80 €
Arbeitszeit Modellation (BEB)110 €110 €
Arbeitszeit Gerüstausarbeitung (BEB)75 €75 €
Gesamtumsatz203 €545 €
Materialaufwand10 €280 €
Deckungsbeitrag pro Einheit193 €265 €

Die Differenz pro Einheit: 72 Euro mehr Deckungsbeitrag bei Edelmetall. Bei einem Labor mit 30 Modellgüssen pro Monat sind das 2.160 Euro Mehrumsatz auf der Marge — wenn man die Edelmetall-Variante überhaupt anbietet.

Voraussetzung: Die BEB-Goldzuschläge müssen korrekt berechnet werden. Hier liegt der häufigste Fehler. Manche Labore berechnen den reinen Materialwert ohne Aufschlag für Vorfinanzierung, Goldfixing-Risiko und Verarbeitung. Das ist nicht nur unwirtschaftlich, sondern bei längerer Lagerhaltung ein bilanzielles Risiko.

BEB-Nachberechnung bei Edelmetall — die übersehenen Positionen

Bei Edelmetall-Arbeiten existieren BEB-Positionen, die in NEM-Aufträgen nicht anfallen. Diese werden in der Praxis oft vergessen:

  • Materialeinwaage und Dokumentation (BEB 0011 oder vergleichbar): 5-12 Euro pro Auftrag, je nach Hauskatalog.
  • Goldfixing-bezogener Aufschlag: Zwischen 5% und 15% auf den Materialwert, je nach Vereinbarung. Wer hier null Prozent ansetzt, finanziert dem Praxiskunden den Goldpreis-Risikopuffer.
  • Gussrückstand-Rückgewinnung: Bei Edelmetall werden Anguss und Gusskanal zurückgewogen und gutgeschrieben — oder nicht, je nach Vereinbarung. Eine schriftliche Regelung schützt vor späteren Diskussionen.
  • Mehraufwand für Polieren und Glanzbürsten: Hochglanzpolitur an Edelmetall ist arbeitsintensiver als an Co-Cr — wird oft nicht separat erfasst.

Ein typisches Edelmetall-Modellguss-Stuhlangebot kann durch korrekte Erfassung dieser Positionen um 30-60 Euro pro Einheit höher liegen als bei pauschaler Übernahme aus dem NEM-Workflow.

Warum die meisten Labore zu früh auf NEM wechseln

Drei Mechanismen sorgen dafür, dass Edelmetall stillschweigend aus dem Angebot verschwindet:

Erstens — der Mitarbeiter-Effekt. In Laboren, in denen seit zehn Jahren primär NEM gefräst oder gesintert wird, gehen die Edelmetall-Skills schleichend verloren. Ein Techniker, der seit fünf Jahren keinen Edelmetallguss mehr gemacht hat, schlägt das Material nicht von sich aus vor. Erfahrene Kolleginnen und Kollegen gehen in Rente, das Know-how geht mit.

Zweitens — die Vorfinanzierung. Ein Labor mit 30 Edelmetallarbeiten pro Monat hat einen Materialbestand von 8.000 bis 14.000 Euro permanent gebunden. Das ist Kapital, das nicht für Maschinen, Schulungen oder Marketing zur Verfügung steht. Viele Inhaber meiden diesen Cashflow-Druck, ohne sich die entgangene Marge bewusst zu machen.

Dritter Mechanismus — die Praxiskommunikation. Praxen bestellen das, was sie als „Standard” wahrnehmen. Wenn das Labor nie aktiv über Edelmetall-Alternativen spricht und keine konkreten Stuhlangebote für Edelmetall macht, kommt nie ein Auftrag rein. Es entsteht eine selbstverstärkende NEM-Monokultur.

Eine Mini-Checkliste für die Indikationsentscheidung

Bevor das Auftragsschein-Kreuz bei „NEM” landet, lohnt ein Durchgang durch fünf Fragen:

  1. Hat der Patient eine Allergie-Anamnese? Wenn ja: Epikutantest empfehlen, vor der Anfertigung.
  2. Wie ist die Pfeilersituation? Großflächige Freiendsituationen mit nur zwei Pfeilern: NEM. Mehrere Pfeiler mit Geschieben: Edelmetall.
  3. Sind Lötarbeiten oder Erweiterungen absehbar? Wenn ja: Edelmetall lohnt sich.
  4. Hat der Patient Bruxismus? Wenn ja: Edelmetall schont die Antagonisten.
  5. Ist die Praxis bereit, Edelmetall als Wahloption mit Aufklärung anzubieten? Wenn ja: konkrete Stuhlangebote rausgeben, beide Varianten kalkulieren, Patient entscheiden lassen.

Wer diese Fragen systematisch durchgeht, kommt selten zu „immer NEM” — und damit auch nicht zur stillen Margen-Erosion.

Wo der Workflow scheitert — und was hilft

Die wirtschaftlichen Vorteile der Edelmetall-Variante materialisieren sich nur, wenn die Prozesse die Komplexität tragen:

  • Materialerfassung digital: Manuelle Edelmetalleinwaage auf Papier verliert Geld. Eine Materialerfassung, die jeden Edelmetall-Eingang und -Verbrauch sauber zuordnet, schützt vor Schwund und macht die Rückwiegungen reproduzierbar.
  • Goldfixing-Update: Wer Edelmetall-Stuhlangebote mit dem Goldpreis von vor drei Wochen erstellt, verliert oder gewinnt zufällig. Tagesaktuelle Preise im Angebot sind keine Optimierung, sondern Pflicht.
  • BEB-Positionen vollständig hinterlegt: Im eigenen Leistungskatalog müssen die Edelmetall-spezifischen Zuschläge so eingerichtet sein, dass sie bei der Auftragserfassung automatisch auftauchen und nicht „vergessen” werden können.

Moderne Laborsoftware leistet hier viel — vorausgesetzt, die Stammdaten sind sauber gepflegt. Ein Labor, das den Goldpreis monatlich manuell in mehreren Listen aktualisiert, wird ihn früher oder später irgendwo vergessen.

Praxis-Kommunikation: der wichtigste Hebel

Der schnellste Weg, mehr Edelmetall zurück ins Portfolio zu bringen, läuft nicht über die Werkstatt — er läuft über das Außendienst- oder Praxiskommunikations-Team. Drei konkrete Hebel:

  1. Doppelangebote: Bei jedem Modellguss-Anfrage standardmäßig zwei Varianten anbieten — NEM und Edelmetall. Mit Materialdurchschnittspreis und Gegenüberstellung der klinischen Profile.
  2. Allergie-Anamnesebogen mitliefern: Praxen, die routinemäßig auf Metallallergien screenen, schicken automatisch mehr Edelmetallaufträge.
  3. Schulungsangebot für Behandler: Eine 30-minütige Online-Schulung im Quartal, die Indikationen und Patientenargumentation für Edelmetall vermittelt. Das ist kein Vertrieb, sondern fachliche Partnerschaft — und genau die kommt bei Praxen an.

Was bleibt

Die Wahl zwischen Kobalt-Chrom und Edelmetall ist keine Frage von „alt” gegen „modern” oder „billig” gegen „teuer”. Es ist eine Indikationsentscheidung mit wirtschaftlicher Konsequenz. Wer NEM pauschal zum Standard erklärt, verliert nicht nur Marge — er verliert das Werkzeug, mit dem manche Versorgungen einfach besser gelingen.

Das Modellguss-Segment ist in vielen Laboren rückläufig. Wer in diesem schrumpfenden Markt überproportional Marge halten will, muss bewusster werden — bei der Materialwahl, bei der Kalkulation, bei der Kommunikation mit der Praxis. Edelmetall verdient seinen Platz im Portfolio. Es zurückzuholen lohnt sich für die meisten Labore — wirtschaftlich und fachlich.

Wer die eigene Materialverteilung der letzten zwölf Monate nicht aus dem Kopf weiß, hat den ersten Schritt schon vor sich: Eine Auswertung NEM vs. Edelmetall, gegliedert nach Praxis und Indikation, zeigt mit drei Klicks, wo die Monokultur entstanden ist — und wo sich der Hebel sofort ansetzen lässt.

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