Preiskalkulation im Labor: Die Formel die keiner kennt
Die meisten Labore kalkulieren nach Gefühl, Preisliste oder Konkurrenz. Hier ist die Vollkostenformel, die Ihren Stundenverrechnungssatz ehrlich berechnet.
GetDent Redaktion
Branchenexperten für Dentallabor-Kalkulation
Fragen Sie einen Laborchef, wie er seine Preise kalkuliert. In 9 von 10 Fällen bekommen Sie eine dieser Antworten:
„Nach BEL plus Aufschlag.”
„Das haben wir schon immer so berechnet.”
„Wir orientieren uns an dem, was die anderen in der Region nehmen.”
Keine dieser Antworten beantwortet die eigentliche Frage: Was kostet es Sie tatsächlich, eine Krone herzustellen? Nicht den Materialwert. Nicht den BEL-Richtwert. Sondern die echten, vollständigen Kosten — von der Auftragsannahme bis zur Auslieferung.
Die meisten Labore kennen diese Zahl nicht. Und weil sie sie nicht kennen, kalkulieren sie im Nebel.
Drei Arten, falsch zu kalkulieren
Methode 1: BEL-Preisliste plus Bauchgefühl. Die BEL-II gibt Höchstpreise für zahntechnische Leistungen bei Kassenpatienten vor. Viele Labore nehmen diese Werte als Basis und schlagen für Privatpatienten 20–40% drauf. Das Problem: Die BEL bildet Ihre individuellen Kosten nicht ab. Ob Ihr Labor in München-Schwabing sitzt oder im Erzgebirge, ob Sie einen Techniker beschäftigen oder zwanzig — die BEL-Preise sind identisch. Ihre Kosten nicht.
Methode 2: Konkurrenzvergleich. Sie erfahren, was das Labor drei Straßen weiter für eine NEM-Krone nimmt, und orientieren sich daran — leicht drunter, um konkurrenzfähig zu bleiben, oder leicht drüber, um Qualität zu signalisieren. Das ist keine Kalkulation. Das ist Ratespiel auf Basis einer fremden Kostensituation, die Sie nicht kennen und die vermutlich genauso falsch kalkuliert ist wie Ihre eigene.
Methode 3: Historische Preise plus Inflation. Jedes Jahr 3% auf alle Positionen. Klingt vernünftig. Aber wenn Ihre Personalkosten um 8% gestiegen sind, Ihre Materialkosten um 15% und Ihre Energiekosten um 22%, dann gleichen pauschale 3% nichts aus. Sie zementieren bestehende Fehlkalkulationen und machen sie jedes Jahr ein bisschen größer.
Alle drei Methoden haben denselben blinden Fleck: Sie beginnen beim Preis und hoffen, dass die Marge stimmt. Richtige Kalkulation beginnt bei den Kosten und leitet den Preis daraus ab.
Die Formel: Was eine Stunde in Ihrem Labor wirklich kostet
Der wichtigste Wert in jeder Preiskalkulation ist Ihr Stundenverrechnungssatz. Nicht der, den Sie irgendwann mal festgelegt haben. Der echte — basierend auf Ihren tatsächlichen Kosten und Ihrer tatsächlichen Produktivität.
Die Formel ist simpel. Ihre Anwendung erfordert Ehrlichkeit.
Stundenverrechnungssatz = Gesamtkosten pro Jahr ÷ produktive Stunden pro Jahr
Klingt trivial. Ist es nicht. Denn beide Seiten der Gleichung werden in der Praxis systematisch falsch geschätzt.
Die Kostenseite: Was Sie wirklich ausgeben
Zählen Sie zusammen — alles, restlos:
| Kostenblock | Typische Positionen | Beispiel (8-Personen-Labor) |
|---|---|---|
| Personalkosten | Bruttolöhne, AG-Anteile (ca. 21%), Urlaubs-/Weihnachtsgeld, Fortbildung, BG-Beitrag | 420.000 € |
| Raumkosten | Miete, Nebenkosten, Reinigung, Instandhaltung | 48.000 € |
| Gerätekosten | Leasing, Abschreibung, Wartung, Reparatur, Ersatzteile | 36.000 € |
| Energie | Strom (Brennöfen!), Gas, Wasser, Absauganlage | 18.000 € |
| Verbrauchsmaterial | Schleifkörper, Poliermittel, Einbettmasse, Gips, Lot, Wachs | 22.000 € |
| Verwaltung | Software, Steuerberater, Versicherungen, Telefon, IT | 24.000 € |
| Logistik | Fahrzeug, Versand, Verpackung | 15.000 € |
| Sonstiges | Berufskleidung, Arbeitsschutz, Werbekosten, Kammerbeiträge | 8.000 € |
| Gesamt | 591.000 € |
Auftragsmaterial ist hier bewusst nicht enthalten. Das wird pro Auftrag direkt kalkuliert und dem Kunden in Rechnung gestellt. Die 591.000 Euro sind Ihre Struktur- und Gemeinkosten — das, was anfällt, egal ob Sie 10 oder 40 Aufträge am Tag bearbeiten.
Viele Labore unterschätzen diesen Block um 15–25%. Die häufigsten Fehler: Arbeitgeberanteile zu niedrig angesetzt, Geräteabschreibungen vergessen, Kleinposten wie BG-Beiträge und Kammerbeiträge übersehen, eigenes Geschäftsführergehalt nicht eingerechnet.
Die Stundenseite: Wie viel Sie wirklich produzieren
Hier wird es unangenehm. Ein Techniker hat theoretisch 1.760 Arbeitsstunden im Jahr (220 Arbeitstage × 8 Stunden). Davon ziehen Sie ab:
| Abzug | Stunden |
|---|---|
| Urlaub (30 Tage) | –240 |
| Krankheit (Branchendurchschnitt ca. 12 Tage) | –96 |
| Feiertage (ca. 10 Tage) | –80 |
| Fortbildung (3 Tage) | –24 |
| Verfügbare Stunden | 1.320 |
Von diesen 1.320 verfügbaren Stunden ist ein Techniker nicht die gesamte Zeit produktiv — also tatsächlich an Zahnersatz arbeitend. Zwischen 25% und 40% gehen für Nebenarbeiten drauf: Aufträge lesen und sortieren, Materialien vorbereiten, Arbeitsplatz einrichten und reinigen, auf Scans oder Rückmeldungen warten, Praxen kontaktieren, interne Abstimmung.
Realistisch produktive Stunden pro Techniker und Jahr: 850 bis 1.000.
Nehmen wir 900 als ehrlichen Mittelwert.
Die Rechnung
Bei 6 Technikern (von 8 Mitarbeitern insgesamt — 2 arbeiten in Verwaltung und Logistik):
6 Techniker × 900 produktive Stunden = 5.400 produktive Stunden pro Jahr
591.000 € ÷ 5.400 Stunden = 109,44 € pro produktive Stunde
Lesen Sie die Zahl nochmal.
109 Euro. Pro Stunde.
Die meisten Labore kalkulieren intern mit 32 bis 42 Euro. Manche mutige mit 55 Euro. Fast niemand rechnet mit dreistelligen Werten.
Woher kommt die Lücke? Zwei Fehler addieren sich: Der Stundensatz wird nur auf die Technikergehälter bezogen statt auf die Gesamtkosten des Labors. Und die Stunden werden als Brutto-Anwesenheit genommen statt als produktive Netto-Stunden. Beide Fehler zusammen erzeugen einen Faktor 2,5 bis 3. Die kalkulierten 38 Euro sollten eigentlich 109 Euro sein.
Vom Stundensatz zum Verkaufspreis
Der Stundenverrechnungssatz ist keine Empfehlung. Er ist Ihre Kostenwahrheit. Jetzt kommt die Kalkulation pro Auftrag:
Verkaufspreis = (Arbeitszeit × Stundenverrechnungssatz) + Materialkosten + Gewinnmarge
Beispiel: Zirkonkrone, vollanatomisch.
| Position | Berechnung | Betrag |
|---|---|---|
| Arbeitszeit | 0,75h × 109 € | 81,75 € |
| Auftragsmaterial | Zirkonrohling, Malfarben, Glasur | 32,00 € |
| Zwischensumme (Selbstkosten) | 113,75 € | |
| Gewinnmarge (15%) | 17,06 € | |
| Verkaufspreis | 130,81 € |
Vergleichen Sie das mit Ihrem aktuellen Preis für eine vollanatomische Zirkonkrone. Liegt er darunter, subventionieren Sie jeden einzelnen Auftrag aus Ihrem Eigenkapital. Liegt er deutlich darüber, haben Sie entweder eine komfortable Marge — oder Sie haben bei den Kosten oder Zeitwerten oben etwas unterschätzt.
Der Gewinnaufschlag von 15% ist dabei ein Minimum. Er muss Ihr Unternehmerrisiko abdecken, Rücklagen für Investitionen bilden und Ihre eigene Vergütung als Laborinhaber finanzieren — sofern Sie sich nicht bereits ein volles Geschäftsführergehalt in die Personalkosten eingerechnet haben.
Was diese Rechnung verändert
Wenn Labore zum ersten Mal mit dem echten Stundenverrechnungssatz kalkulieren, passieren drei Dinge:
Erstens: Bestimmte Arbeiten sind plötzlich unrentabel. Die Einzelkrone für die Kassenpraxis, die Sie für 85 Euro abrechnen, kostet Sie nach ehrlicher Rechnung 95 Euro herzustellen. Sie machen mit jedem Stück Verlust. Das ist kein Drama — solange Sie es wissen und bewusst entscheiden, diesen Kunden trotzdem zu bedienen, weil er Ihnen gleichzeitig die großen Fälle bringt. Es wird zum Drama, wenn sich herausstellt, dass 60% Ihres Umsatzes aus solchen Verlustpositionen bestehen.
Zweitens: Eilzuschläge sind zu niedrig. Ein Eilauftrag verdrängt geplante Arbeit, erhöht die Fehlerquote und erzeugt Überstunden. Wenn Ihr Eilzuschlag 25% beträgt — bei einer Krone also rund 30 Euro Aufschlag — deckt das nicht einmal die Überstundenzuschläge des Technikers, geschweige denn den Produktivitätsverlust bei den verschobenen Aufträgen. Labore, die nach ehrlicher Kalkulation einen kostendeckenden Eilzuschlag berechnen, landen bei 50–80%.
Drittens: Zeiterfassung wird überlebenswichtig. Solange Sie nicht wissen, wie lange ein Auftrag wirklich dauert, ist jede Kalkulation Fiktion. Ob Sie die Zeit über Laufzettel, Stempeluhr oder eine digitale Lösung erfassen — ohne echte Zeitdaten rechnen Sie mit Wunschzahlen. Und Wunschzahlen haben die unangenehme Eigenschaft, immer zu optimistisch auszufallen.
Was Sie morgen tun können
Sie brauchen kein Beratungsunternehmen und keinen BWL-Abschluss. Sie brauchen einen ruhigen Nachmittag, Ihre BWA der letzten 12 Monate und die Bereitschaft, sich selbst nicht anzulügen.
Schritt 1: Addieren Sie alle Kosten eines Jahres. Alles. Auch den Kammerbeitrag. Auch die Weihnachtsfeier. Auch den neuen Bürostuhl. Wenn es auf Ihrem Konto abgebucht wurde, gehört es in die Rechnung.
Schritt 2: Zählen Sie Ihre produktiven Technikerstunden. Nicht die Anwesenheitsstunden — die Stunden, in denen Ihre Techniker tatsächlich Zahnersatz herstellen. Wenn Sie unsicher sind, starten Sie mit 900 Stunden pro Techniker und Jahr. Das ist erfahrungsgemäß realistischer als das, was die meisten Laborinhaber spontan schätzen.
Schritt 3: Teilen Sie Kosten durch Stunden. Das Ergebnis wird Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit überraschen.
Schritt 4: Kalkulieren Sie Ihre zehn häufigsten Arbeiten mit dem neuen Stundenverrechnungssatz durch. Vergleichen Sie mit Ihren aktuellen Verkaufspreisen. Die Differenz ist Ihre Handlungsanleitung.
Nicht jeder Preis muss sofort angepasst werden. Manche Arbeiten quersubventionieren andere, manche Kunden bringen Volumen, das den niedrigeren Stückpreis rechtfertigt. Das ist legitim — solange es eine bewusste Entscheidung ist.
Wenn Sie wissentlich unter Selbstkosten verkaufen, weil die Geschäftsbeziehung es strategisch wert ist, ist das unternehmerisches Kalkül. Wenn Sie unter Selbstkosten verkaufen, ohne es zu wissen, ist das eine Zeitbombe in Ihrer Bilanz.
Die Formel ist nicht kompliziert. Die Ehrlichkeit, sie auf das eigene Labor anzuwenden, ist der schwierige Teil.
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