Cloud-Abrechnungssystem für Zahntechniker

Management 11. April 2026 · 10 Min. Lesezeit

Kasse oder Privat: Welcher Mix macht Labore profitabel?

BEL II oder BEB — viele Labore wissen nicht, welche Aufträge wirklich Gewinn bringen. Eine ehrliche Analyse des Kassen-Privat-Mix mit konkreten Zahlen.

G

GetDent Redaktion

Branchenexperten für Dentallabor-Strategie

Freitagnachmittag, 16 Uhr. Der Laborchef druckt die Monatsauswertung aus. 147 Aufträge, davon 112 Kasse, 35 Privat. Umsatz sieht ordentlich aus. Aber wenn er ehrlich nachrechnet — bei welchen Aufträgen hat er tatsächlich Geld verdient?

Er ahnt es. Er will es nicht wissen.

Die Frage „Kasse oder Privat” ist die strategische Grundsatzentscheidung für jedes Dentallabor. Und die meisten Labore treffen sie gar nicht bewusst. Sie nehmen, was reinkommt. Und wundern sich am Jahresende, warum bei 600.000 Euro Umsatz nur 25.000 Euro hängenbleiben.

BEL II gegen BEB: Zwei Welten, eine Werkbank

Das Grundproblem lässt sich an zwei Positionen zeigen, die jeder Zahntechniker kennt.

Eine Vollverblendkrone. Kassenpatient, Regelversorgung. Der BEL-II-Festzuschuss für die Laborleistung liegt bei ca. 74 Euro (je nach Region und Kassensatz leicht abweichend). Dafür: Modellherstellung, Gerüst, Verblendung, Ausarbeitung, Qualitätskontrolle.

Dieselbe Krone als Privatarbeit, BEB-kalkuliert: 180 bis 260 Euro, je nach Material, Aufwand und Laborpositionierung. Gleiche Arbeitsschritte. Gleiche Qualifikation des Technikers. Aber das Zwei- bis Dreifache an Honorar.

PositionBEL II (Kasse)BEB (Privat)Faktor
VMK-Krone~74 €180–260 €2,4–3,5x
3-gliedrige Brücke~195 €480–720 €2,5–3,7x
Teleskopkrone~98 €220–380 €2,2–3,9x
Totalprothese~310 €650–1.100 €2,1–3,5x

Die Werte sind Annäherungen — tatsächliche Beträge variieren je nach Bundesland, individuellem BEB-Katalog und Materialwahl. Aber die Größenordnung stimmt: Privatarbeiten bringen durchschnittlich das 2,5- bis 3-fache pro Einheit.

Warum machen dann nicht alle Labore nur noch Privat?

Weil es so einfach nicht ist.

Die Kassenfalle: Volumen ohne Marge

Ein reines Kassenlabor rechnet mit Masse. 30 Aufträge am Tag, straff durchgetaktet, wenig Individualität. Das funktioniert — solange die Auslastung stimmt und die Prozesse sitzen.

Das Problem: Die BEL-II-Sätze werden von den Kassenzahnärztlichen Vereinigungen festgelegt. Der letzte substanzielle Anstieg liegt Jahre zurück. Die Kosten für Material, Personal und Energie steigen aber jedes Jahr. Die Schere geht auf.

Ein konkretes Rechenbeispiel. Ein Labor mit 80% Kassenanteil, 10 Mitarbeitern, 180.000 Euro Jahres-Personalkosten nur für die Technik:

Produktive Stunden pro Techniker und Jahr: ca. 1.400 (nach Urlaub, Krankheit, unproduktiver Zeit). Bei 8 Technikern sind das 11.200 produktive Stunden.

Kassenaufträge brauchen im Schnitt 1,5 produktive Stunden pro Auftrag. Das ergibt ca. 7.500 mögliche Aufträge im Jahr. Bei durchschnittlich 95 Euro Laboranteil pro Kassenauftrag sind das 712.500 Euro Kassenumsatz.

Klingt nach viel. Jetzt die Kosten:

  • Personal: 180.000 €
  • Material (ca. 30% vom Kassenumsatz): 213.750 €
  • Miete, Leasing, Versicherungen, Energie: ca. 120.000 €
  • Verwaltung, Software, Logistik: ca. 45.000 €

Gesamtkosten: ca. 558.750 €

Gewinn bei reinem Kassengeschäft: ca. 153.750 Euro. Das klingt akzeptabel — bis man bedenkt, dass davon noch Rückstellungen, Investitionen, Inhabergehalt und Steuern weggehen. Für einen Laborinhaber mit 8 Angestellten bleibt da nicht viel Spielraum.

Und das ist die optimistische Rechnung. Jeder unproduktive Tag, jede Reklamation, jede Materialpreiserhöhung frisst direkt am Gewinn. Bei BEL-II-Sätzen können Sie die Mehrkosten nicht weitergeben — der Preis steht fest.

Die Privatfalle: Marge ohne Planbarkeit

Ein reines Privatlabor verdient pro Einheit deutlich mehr. Aber es hat andere Probleme.

Problem 1: Abhängigkeit von wenigen Kunden. Privatzahnärzte sind seltener als Kassenzahnärzte. Ein reines Privatlabor arbeitet typischerweise mit 8 bis 15 Praxen. Wenn zwei davon wechseln — ob aus persönlichen Gründen, weil ein Konkurrent günstiger anbietet oder weil der Zahnarzt in Rente geht — verliert das Labor schlagartig 15 bis 25% seines Umsatzes.

Problem 2: Schwankende Auftragslage. Privatpatienten schieben Zahnersatz auf, wenn die Wirtschaft schwächelt. Kassenpatienten nicht — die Regelversorgung ist zuzahlungsarm und wird weniger konjunktursensibel nachgefragt. Ein reines Privatlabor spürt jeden wirtschaftlichen Abschwung direkt.

Problem 3: Höherer Anspruch, mehr Aufwand. Privatarbeiten sind oft komplexer. Individuellere Wünsche, aufwändigere Ästhetik, mehr Kommunikation mit der Praxis. Die höhere Marge pro Einheit wird teilweise durch den höheren Zeitaufwand relativiert. Eine BEB-Krone, die 220 Euro bringt aber 2,5 Stunden statt 1,5 Stunden dauert, hat einen Stundensatz von 88 Euro. Eine BEL-Krone für 74 Euro in 1,2 Stunden kommt auf 62 Euro. Der Unterschied pro Stunde ist real, aber kleiner als der Unterschied pro Stück.

Problem 4: Preisdruck durch den Patienten. Privatpatienten vergleichen. Sie lassen sich Kostenvoranschläge von mehreren Zahnärzten machen, und die Zahnärzte vergleichen Laborpreise. Bei Kassenarbeiten gibt es diesen Wettbewerb auch — aber die Preistransparenz ist geringer, weil die Festzuschuss-Systematik den Patientenanteil vom Laborpreis entkoppelt.

Der profitable Mix: Kein Entweder-oder

Die ertragsstarken Labore, die ich kenne, fahren keines der beiden Extreme. Sie haben einen bewusst gesteuerten Mix — und wissen genau, warum.

Ein Modell das funktioniert: 55 bis 65% Kasse, 35 bis 45% Privat.

Der Kassenanteil liefert das Grundrauschen. Planbare Aufträge, regelmäßiger Cashflow, breite Kundenbasis. Das ist das Fundament, das die Fixkosten deckt.

Der Privatanteil liefert die Marge. Höherer Deckungsbeitrag pro Auftrag, der den Gewinn überproportional steigert.

Rechnen wir das Beispiel von oben um:

Kennzahl100% Kasse60% Kasse / 40% Privat
Kassenaufträge/Jahr7.5004.500
Kassenumsatz712.500 €427.500 €
Privataufträge/Jahr02.200
Privatumsatz0 €462.000 €
Gesamtumsatz712.500 €889.500 €
Materialkosten (30% Kasse, 25% Privat)213.750 €243.750 €
Sonstige Kosten345.000 €355.000 €
Gewinn vor Steuern153.750 €290.750 €

Die Privataufträge sind weniger (2.200 statt theoretisch 3.000), weil sie im Schnitt länger dauern und die Kapazität die gleiche ist. Trotzdem: Der Gewinn verdoppelt sich nahezu. Bei identischer Teamgröße, identischer Ausstattung, identischen Fixkosten.

Das sind vereinfachte Modellrechnungen — Ihr reales Ergebnis hängt von Dutzend Faktoren ab. Aber die Richtung stimmt: Schon eine moderate Verschiebung des Mix in Richtung Privat hat einen überproportionalen Effekt auf den Gewinn.

Wie Sie Ihren Mix aktiv steuern

Die meisten Labore steuern ihren Kundenmix gar nicht. Sie nehmen was kommt. Das ist, als würde ein Restaurant seine Speisekarte danach gestalten, welche Zutaten der Lieferant zufällig vorbeibringt.

Drei konkrete Hebel, die funktionieren:

1. Bestandskunden gezielt entwickeln

Ihre bestehenden Kassenpraxen machen auch Privatarbeiten — die Frage ist nur, ob sie diese an Ihr Labor geben. Viele Zahnärzte haben ein Kassenlabor und ein Privatlabor. Wenn die Privatarbeiten nicht bei Ihnen landen, hat das einen Grund: Entweder die Praxis traut Ihnen die Qualität nicht zu, oder Sie haben nie danach gefragt.

Ein Gespräch mit den 10 umsatzstärksten Kassenpraxen — nicht am Telefon, persönlich — kann den Privatanteil innerhalb von sechs Monaten um 5 bis 10 Prozentpunkte verschieben. Zeigen Sie Arbeitsproben, bieten Sie eine Probearbeit an, fragen Sie was die Praxis bisher an Privatarbeiten vergibt und warum.

2. Neue Praxen strategisch akquirieren

Wenn Sie neue Kunden suchen, dann gezielt Praxen mit hohem Privatanteil. Zahnarztpraxen in wohlhabenden Stadtvierteln, Praxen mit Schwerpunkt Implantologie oder Ästhetik, junge Zahnärzte die sich auf Privatpatienten spezialisieren.

Ein Labor, das ausschließlich auf Messen und bei der Innung nach Neukunden sucht, bekommt den Querschnitt. Ein Labor, das gezielt 20 Praxen mit hohem Privatanteil anschreibt, bekommt den Mix den es will.

3. Preise nach Segment differenzieren

Ihre BEL-II-Preise sind reguliert — da gibt es keinen Spielraum. Aber Ihre BEB-Preise bestimmen Sie selbst. Viele Labore machen den Fehler, ihre BEB-Preise „nah an der Kasse” zu halten, um wettbewerbsfähig zu sein.

Das ist strategisch falsch. Privatpatienten zahlen nicht für den günstigsten Zahnersatz — sie zahlen für den besten. Wenn Ihre BEB-Krone 180 Euro kostet und die des Labors nebenan 240 Euro, denkt der Zahnarzt nicht „günstiger = besser”. Er denkt: „Warum so billig?”

Positionierung über Qualität statt über Preis funktioniert im Privatsegment. Im Kassensegment nicht — da zählt Effizienz.

Die Zahlen kennen, die andere ignorieren

Die wichtigste Kennzahl ist nicht Ihr Gesamtumsatz. Es ist der Deckungsbeitrag pro Auftragskategorie.

Messen Sie drei Monate lang, was jeder Auftragstyp tatsächlich kostet — nicht was er laut Kalkulation kosten sollte. Erfassen Sie für jede abgeschlossene Arbeit:

  • Auftragstyp (Kasse Regelversorgung, Kasse Gleichartig, Privat)
  • Tatsächliche Arbeitszeit aller beteiligten Techniker
  • Tatsächliche Materialkosten
  • Kommunikationsaufwand (Rückfragen, Korrekturen, Neuanfertigungen)

Nach drei Monaten haben Sie ein Bild, das die meisten Ihrer Konkurrenten nicht haben. Sie wissen, welche Auftragstypen Ihnen Geld bringen und welche Ihnen Geld kosten. Sie wissen, welche Kunden profitabel sind und welche nur auf dem Papier gut aussehen.

Mit diesen Daten können Sie Entscheidungen treffen statt zu raten.

Was sich gerade verändert — und warum der Mix jetzt wichtiger wird

Zwei Entwicklungen machen die Frage nach dem richtigen Mix drängender als je zuvor.

Die digitale Fertigung verändert die Kostenstruktur. CAD/CAM und Fräszentren senken die Stückkosten bei Standardversorgungen massiv. Das betrifft vor allem das Kassensegment: Einzelkronen, Brücken, einfache Prothesen. Labore, die hier rein auf Handarbeit setzen, können preislich nicht mehr mithalten. Labore, die digitale Prozesse beherrschen, können Kassenaufträge profitabel abwickeln — und haben gleichzeitig mehr Kapazität für margenstarke Privatarbeiten.

Die Patientendemografie verschiebt sich. Der Anteil der über 65-Jährigen steigt, und mit ihm der Bedarf an Zahnersatz. Gleichzeitig steigt der Anteil von Patienten mit Zusatzversicherungen und höherer Zahlungsbereitschaft. Die Nachfrage nach hochwertigen, ästhetisch anspruchsvollen Versorgungen wächst stärker als die nach reiner Regelversorgung.

Labore, die sich heute strategisch positionieren, profitieren von beiden Trends. Labore, die weiter passiv ihren Mix dem Zufall überlassen, werden von beiden Trends überrollt.

Die unbequeme Wahrheit

Es gibt Labore, die bei 100% Kassenanteil profitabel arbeiten. Schlanke Prozesse, hohe Automatisierung, minimale Verwaltung. Das funktioniert — aber es erfordert Skaleneffekte, die nur ab einer bestimmten Größe erreichbar sind.

Und es gibt Labore, die bei 100% Privatanteil hervorragend verdienen. Exzellente Handwerkskunst, enge Kundenbeziehungen, Premiumpositionierung. Das funktioniert — aber es erfordert ein Netzwerk und einen Ruf, der sich nicht über Nacht aufbauen lässt.

Für die große Mehrheit der deutschen Dentallabore — 3 bis 15 Mitarbeiter, gewachsene Kundenstruktur, regionale Verankerung — liegt die Antwort im bewussten Mix. Und „bewusst” ist das Schlüsselwort.

Nicht: Was kommt rein? Sondern: Was wollen wir reinlassen?

Nicht: Können wir diesen Auftrag machen? Sondern: Sollten wir diesen Auftrag machen?

Nicht: Wie viel Umsatz haben wir? Sondern: Wie viel Gewinn bleibt pro Auftragstyp?

Wer diese Fragen beantworten kann, steuert sein Labor. Wer sie nicht stellt, wird gesteuert — von Praxen, vom Markt, von den Umständen.

Kassenpatienten Dentallabor Privatpatienten Zahntechnik BEL BEB Vergleich Dentallabor Strategie Kundenmix Labor

Weiterlesen