Offene Rechnungen: So kommt Ihr Labor ans Geld
Viele Dentallabore arbeiten profitabel — und sind trotzdem knapp bei Kasse. Der Grund: offene Rechnungen. Konkrete Strategien für besseres Forderungsmanagement.
GetDent Redaktion
Branchenexperten für Dentallabor-Betriebswirtschaft
Freitagmorgen, 8:15 Uhr. Der Laborchef schaut auf sein Konto. Drei Überweisungen eingegangen — zusammen 4.800 Euro. Auf dem Schreibtisch liegen offene Rechnungen über 67.000 Euro. Die älteste ist von November. Novemberletzten Jahres.
Er hat im Januar eine freundliche Erinnerung geschickt. Im Februar nochmal. Im März hat er in der Praxis angerufen und mit der Bürokraft gesprochen, die versprach, es weiterzuleiten. Passiert ist nichts.
Kommt Ihnen bekannt vor?
Die Situation ist typisch. Nicht die Ausnahme, sondern der Normalfall in deutschen Dentallaboren. Sie liefern pünktlich, die Arbeit sitzt, die Praxis ist zufrieden — aber bezahlt wird, wenn es gerade passt. Oder wenn jemand daran denkt. Oder wenn die nächste Lieferung ansteht und das Labor langsam ungemütlich wird.
Die Liquiditätsfalle: profitabel, aber pleite
Gewinn und Liquidität sind zwei verschiedene Dinge. Ihr Labor kann eine Umsatzrendite von 12% haben und trotzdem am 15. des Monats nicht wissen, ob die Gehälter pünktlich rausgehen.
Der Mechanismus ist simpel: Sie kaufen Material, zahlen Ihre Techniker, begleichen Miete und Strom — alles innerhalb von 30 Tagen. Ihre Kunden zahlen im Schnitt nach 45 bis 60 Tagen. Manche nach 90. Einige überhaupt nur nach Mahnung.
Diese Differenz — Geld geht raus, bevor es reinkommt — nennt sich Cash Conversion Cycle. In der Industrie wird er penibel überwacht. In Dentallaboren redet kaum jemand darüber.
Ein konkretes Beispiel:
| Position | Betrag |
|---|---|
| Monatsumsatz (Rechnungsstellung) | 85.000 € |
| Materialkosten (fällig in 30 Tagen) | 25.500 € |
| Personalkosten (fällig am Monatsende) | 38.000 € |
| Fixkosten (Miete, Leasing, Versicherung) | 9.500 € |
| Summe Auszahlungen | 73.000 € |
| Tatsächliche Eingänge bei Ø 52 Tagen Zahlungsziel | 54.000 € |
| Liquiditätslücke | −19.000 € |
Das Labor verdient Geld. Es hat eine ordentliche Marge. Aber es hat jeden Monat ein Liquiditätsproblem von fast 20.000 Euro, das es mit dem Kontokorrentkredit überbrücken muss — zu Zinsen, die aktuell bei 9 bis 12% liegen.
Rechnen Sie das aufs Jahr hoch: Allein die Zinskosten für die Überbrückung liegen schnell bei 6.000 bis 10.000 Euro. Geld, das Sie nicht für schlechte Arbeit zahlen — sondern dafür, dass Ihre Kunden Ihre Rechnungen liegen lassen.
Warum Zahnarztpraxen spät zahlen
Es ist selten böse Absicht. Die Gründe sind strukturell — und genau deshalb so hartnäckig:
Die Rechnung landet im Stapel. In vielen Praxen läuft die Buchhaltung über eine Teilzeitkraft oder die Praxismanagerin, die das „nebenbei” macht. Laborrechnungen sind eine von dreißig Positionen, die monatlich abgearbeitet werden. Wer zuerst mahnt, wird zuerst bezahlt.
Kein Leidensdruck. Solange das Labor weiter liefert, gibt es keinen Grund zur Eile. Die implizite Botschaft von Laboren, die trotz offener Rechnungen pünktlich liefern: Pünktliche Zahlung ist optional.
Rechnungsprüfung dauert. Manche Praxen gleichen jede Rechnung Posten für Posten mit dem Auftrag ab. Bei komplizierten Arbeiten — mehrgliedrige Brücken, Kombinationsversorgungen — kann das tatsächlich Zeit kosten. Besonders wenn die Rechnung nicht zum Auftrag passt oder Positionen unklar sind.
Liquiditätssteuerung der Praxis. Auch Zahnärzte managen ihren Cashflow. Manche zahlen gezielt spät, weil sie wissen, dass es keine Konsequenzen hat. Der unangenehme Lieferant, der bei 31 Tagen anruft, wird vor dem netten Labor bedient, das erst nach drei Monaten nachfragt.
Das zu verstehen ist wichtig, weil es den Lösungsansatz bestimmt. Sie haben kein Mahnproblem. Sie haben ein Systemproblem.
Sieben Hebel, die tatsächlich wirken
1. Rechnungen am Tag der Lieferung stellen
Klingt banal. Ist es nicht. In erstaunlich vielen Laboren wird die Rechnung am Monatsende im Block geschrieben. Oder freitags. Oder „wenn Zeit ist”.
Jeder Tag zwischen Lieferung und Rechnungsstellung ist ein geschenkter Tag Zahlungsfrist. Wenn Sie montags liefern und freitags die Rechnung schreiben, sind das vier Tage. Bei Zahlungsziel 30 Tage zahlt Ihr Kunde dann effektiv nach 34 Tagen — ohne dass er irgendetwas dafür tun musste.
In Laboren, die ihre Rechnungsstellung von wöchentlich auf tagesgleich umgestellt haben, sinkt die durchschnittliche Forderungslaufzeit laut Branchenerfahrungen um 5 bis 8 Tage. Bei 85.000 Euro Monatsumsatz sind das 14.000 bis 22.000 Euro weniger offene Forderungen. Sofort. Ohne unangenehme Gespräche.
2. Zahlungsfristen verkürzen — und durchsetzen
30 Tage netto ist der Branchenstandard. Aber wer hat gesagt, dass Sie sich daran halten müssen?
14 Tage netto ist in vielen Branchen üblich. Im Handwerk sowieso. Für regelmäßige Kunden, die ohnehin innerhalb von 20 Tagen zahlen, ändert sich nichts. Für die Dauerverspäteten verschiebt sich der Startpunkt der Verzögerung.
Entscheidend: Sie müssen die Frist auch durchsetzen. Wer 14 Tage auf die Rechnung schreibt und nach 60 Tagen erstmals nachfragt, hat effektiv ein Zahlungsziel von 60 Tagen kommuniziert.
3. Automatische Zahlungserinnerungen
Die erste Mahnung ist keine Mahnung — es ist eine Erinnerung. Und sie sollte automatisch kommen, nicht erst wenn jemand im Labor daran denkt.
Ein sinnvoller Rhythmus:
| Tag nach Fälligkeit | Aktion |
|---|---|
| Tag 1 | Freundliche Erinnerung per E-Mail: „Sicher nur übersehen” |
| Tag 14 | Zweite Erinnerung, konkreter Ton, Zahlungsfrist benennen |
| Tag 28 | Letzte Mahnung vor Lieferstopp, per E-Mail und Brief |
| Tag 42 | Lieferstopp ankündigen und durchsetzen |
Der Schlüssel ist Konsequenz, nicht Schärfe. Wenn die Praxis weiß, dass nach 14 Tagen zuverlässig eine Erinnerung kommt, reagiert sie. Wenn sie weiß, dass manchmal etwas kommt und manchmal nicht, wartet sie ab.
Eine Laborsoftware, die fällige Rechnungen automatisch trackt und Erinnerungen verschickt, ist dafür kein Luxus — sondern eine Grundvoraussetzung. Die Alternative ist eine Excel-Liste, die am dritten Tag vergessen wird.
4. Rechnungen glasklar formulieren
Je einfacher die Rechnung zu prüfen ist, desto schneller wird sie bezahlt. Jede Rückfrage kostet zwei Wochen, weil die Rechnung wieder im Stapel landet.
Was auf jeder Laborrechnung stehen sollte:
- Auftragsnummer der Praxis (nicht nur Ihre interne Nummer)
- Patientenname oder -kürzel (wie mit der Praxis vereinbart)
- Zahnbezeichnung nach FDI-Schema (nicht nur „Krone OK rechts”)
- Klare Zuordnung von Material, Eigenleistung und Fremdleistung
- Leistungsdatum — wann wurde geliefert, nicht wann wurde die Rechnung geschrieben
- Zahlungsinformationen — IBAN, Verwendungszweck, Fälligkeitsdatum fett gedruckt
Wenn die Bürokraft in der Praxis Ihre Rechnung in 90 Sekunden dem richtigen Vorgang zuordnen kann, steigt die Wahrscheinlichkeit einer schnellen Zahlung erheblich.
5. Große Arbeiten: Teilzahlung bei Auftragserteilung
Bei Arbeiten über 2.000 Euro — Implantate, umfangreiche Prothetik, Kombinationsversorgungen — ist eine Anzahlung von 40 bis 50% bei Auftragserteilung branchenüblich und absolut gerechtfertigt.
Ihr Materialaufwand liegt bei diesen Arbeiten oft bei 800 bis 1.500 Euro. Sie gehen in Vorleistung, bestellen Titan-Abutments oder hochwertige Keramik, investieren zehn bis fünfzehn Stunden Technikerzeit — und hoffen, dass sechs Wochen nach Lieferung bezahlt wird.
Nennen Sie es nicht „Anzahlung”. Nennen Sie es „Materialbereitstellungspauschale” oder „Teilrechnung bei Auftragserteilung”. Formulieren Sie es als Selbstverständlichkeit, nicht als Misstrauen. Die meisten Praxen akzeptieren das ohne Diskussion — sie machen es bei ihren Patienten schließlich genauso.
6. Konsequenzen definieren — und kommunizieren
Der unbequemste Punkt. Aber der wirksamste.
Wenn eine Praxis chronisch über 60 Tage braucht, müssen Sie irgendwann eine Entscheidung treffen: Akzeptieren Sie das als Finanzierungsdienstleistung an Ihren Kunden? Oder setzen Sie Grenzen?
Ein Lieferstopp bei offenen Rechnungen über 60 Tage ist kein aggressives Vorgehen — es ist kaufmännische Vernunft. Sie sind ein Handwerksbetrieb, keine Bank.
Kommunizieren Sie das aber vorher. Nicht als Drohung, sondern als Geschäftsbedingung. Ein Satz in den AGB reicht: „Bei Zahlungsverzug über 30 Tage behalten wir uns vor, weitere Lieferungen bis zum Ausgleich offener Posten zurückzuhalten.”
Labore, die das einmal konsequent durchziehen, berichten fast ausnahmslos: Die Praxis zahlt innerhalb von drei Tagen. Und danach pünktlich. Weil sie verstanden hat, dass die Spielregeln sich geändert haben.
7. Forderungen im Blick behalten — in Echtzeit
Das größte Problem im Forderungsmanagement ist nicht fehlendes Wissen. Es ist fehlende Sichtbarkeit.
Wenn Sie erst am Monatsende beim Durchgehen der offenen Posten merken, dass eine Rechnung von vor acht Wochen noch offen ist, haben Sie acht Wochen verschenkt. Die Praxis hat längst vergessen, worum es geht. Die Bürokraft, die damals zuständig war, ist im Urlaub. Die Rechnung muss nochmal geschickt werden. Wieder zwei Wochen.
Was Sie brauchen, ist ein tagesaktuelles Bild Ihrer offenen Forderungen — sortiert nach Alter, Kunde und Betrag. Welche Praxis schuldet wie viel? Seit wann? Wurde schon erinnert? Wann ist die nächste Eskalation fällig?
In einer Laborsoftware, die Auftragsabwicklung und Abrechnung verbindet, entsteht dieses Bild automatisch. Ohne manuellen Abgleich, ohne Excel, ohne das Gefühl, etwas vergessen zu haben.
Die Psychologie dahinter: Warum Labore nicht mahnen
Rein rational betrachtet ist die Lösung klar: Schneller fakturieren, konsequenter mahnen, Zahlungsfristen durchsetzen. Das weiß jeder Laborchef.
Trotzdem tun es die wenigsten. Und das liegt nicht an Faulheit, sondern an einer tiefsitzenden Angst: den Kunden zu verlieren.
In einem Markt, in dem ein Labor typischerweise 15 bis 30 Praxen beliefert und die drei größten Kunden oft 40% des Umsatzes ausmachen, ist die Abhängigkeit real. Wenn Ihr wichtigster Kunde 12.000 Euro offen hat und Sie mahnen, riskieren Sie — so die Befürchtung — dass er zum Wettbewerber wechselt.
Diese Angst ist nachvollziehbar. Aber sie ist in den meisten Fällen unbegründet.
Zahnärzte wechseln ihr Labor nicht wegen einer Zahlungserinnerung. Sie wechseln wegen schlechter Qualität, unzuverlässiger Lieferzeiten oder fehlender Kommunikation. Eine professionelle, freundliche Erinnerung an fällige Rechnungen ist kein Grund zur Verärgerung — es ist ein Zeichen, dass Sie Ihr Unternehmen im Griff haben.
Die Labore, die am meisten Angst vor dem Mahnen haben, sind übrigens oft dieselben, die sich beim Skonto großzügig zeigen und bei Reklamationen sofort auf jede Forderung eingehen. Sie bezahlen doppelt: mit dem Rabatt und mit dem Zinsaufwand für verspätete Zahlungen.
Was Sie diese Woche tun können
Kein Labor wird sein Forderungsmanagement über Nacht umstellen. Aber drei Dinge können Sie sofort tun:
Erstens: Bestandsaufnahme. Ziehen Sie heute eine Liste aller offenen Rechnungen mit Fälligkeitsdatum. Sortieren Sie nach Alter. Alles über 45 Tage markieren Sie rot. Das ist Ihr Problem in Zahlen.
Zweitens: Die fünf ältesten Posten anfassen. Nicht per Mail. Per Telefon. Fragen Sie konkret: „Wann kann ich mit der Zahlung rechnen?” Notieren Sie die Antwort. Und haken Sie nach, wenn die Zusage nicht eingehalten wird.
Drittens: Ab morgen tagesgleich fakturieren. Arbeit geliefert, Rechnung raus. Keine Ausnahmen, kein „mach ich am Freitag”. Das allein wird Ihre durchschnittliche Forderungslaufzeit um eine Woche senken.
Langfristig brauchen Sie ein System, das Ihnen die Arbeit abnimmt — automatische Erinnerungen, Fälligkeitsübersichten, Eskalationsstufen. Ob Sie das mit einer strukturierten Excel-Lösung hinbekommen oder mit einer Laborsoftware, die Abrechnung und Auftragsmanagement verbindet, hängt von Ihrer Laborgröße und Ihrem Anspruch ab.
Aber der erste Schritt ist immer derselbe: Hinschauen. Zählen. Handeln.
Denn jeder Tag, an dem eine Rechnung unbezahlt bleibt, kostet Sie Geld. Nicht irgendwann. Jetzt.
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