Modellguss 2026: Noch zeitgemäß?
Modellgussprothesen gelten als Relikt vergangener Zeiten. Doch die Zahlen erzählen eine andere Geschichte. Eine nüchterne Analyse: Marktanteile, Alternativen, Wirtschaftlichkeit und wann Modellguss die richtige Wahl bleibt.
GetDent Redaktion
Branchenexperten für Zahntechnik
In zahntechnischen Fachforen gibt es wenige Themen, die so zuverlässig Emotionen auslösen wie der Modellguss. Die einen sprechen vom „Auslaufmodell”, das man endlich aus dem Sortiment streichen sollte. Die anderen weisen darauf hin, dass der Modellguss nach wie vor die am häufigsten gefertigte herausnehmbare Versorgung in deutschen Laboren ist. Beide haben Recht — je nachdem, welche Perspektive man einnimmt.
Die entscheidende Frage ist nicht, ob der Modellguss „zeitgemäß” ist. Die Frage ist: Für wen lohnt er sich noch — technisch, wirtschaftlich und strategisch?
Die Zahlen: Marktanteile und Trends
Exakte Marktzahlen für einzelne Versorgungstypen gibt es nicht. Aber Annäherungen sind möglich:
Der VDZI-Betriebsvergleich (2024/2025) zeigt, dass herausnehmbarer Zahnersatz weiterhin ca. 25-30% des Gesamtumsatzes eines durchschnittlichen Labors mit GKV-Schwerpunkt ausmacht. Davon entfällt ein erheblicher Teil auf Modellgussprothesen — Schätzungen aus Labornetzwerken liegen bei 40-50% des herausnehmbaren Segments.
Das bedeutet: Modellgussprothesen generieren in einem typischen GKV-orientierten Labor immer noch 10-15% des Gesamtumsatzes. Das ist keine Nische. Das ist ein relevantes Geschäftsfeld.
Die Tendenz ist allerdings eindeutig rückläufig. Die Gründe:
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Implantate ersetzen Klammerprothesen. Wo früher eine Modellgussprothese auf Restzähnen verankert wurde, setzt die Praxis heute zunehmend Implantate und festsitzenden Zahnersatz. Besonders bei Patienten unter 65 Jahren.
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Festzuschuss-Logik der GKV. Die Festzuschüsse für herausnehmbaren Zahnersatz (Befundklassen 3.1, 4.1 etc.) decken einen Teil der Kosten. Aber der Eigenanteil für eine Teleskoparbeit oder implantatgetragene Lösung ist durch Bonusheft und Härtefallregelung oft geringer als erwartet. Patienten entscheiden sich zunehmend für die hochwertigere Versorgung.
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Ästhetische Erwartungen. Sichtbare Metallklammern sind 2026 schwer vermittelbar. Patienten googeln „Zahnersatz ohne Klammern” und kommen mit entsprechenden Erwartungen in die Praxis.
Was der Modellguss technisch kann — und was nicht
Stärken:
- Hohe Festigkeit des CoCrMo-Gerüsts. Biegefestigkeit ca. 700-900 MPa (gegossen), 1.000-1.200 MPa (gefräst). Der Modellguss ist mechanisch robust.
- Geringe Wandstärken möglich: 0,3-0,5 mm für Klammern, 0,4-0,6 mm für den großen Verbinder. Das spart Platz und erhöht den Tragekomfort gegenüber reinen Kunststoffprothesen.
- Thermische Leitfähigkeit: Metall am Gaumen lässt den Patienten Temperatur spüren — ein unterschätzter Komfortfaktor gegenüber reinen Kunststoffprothesen.
- Bewährte Langlebigkeit: Gut gefertigte Modellgussprothesen halten 10-15 Jahre.
Schwächen:
- Ästhetik: Gussklammern aus CoCrMo sind sichtbar, besonders im Prämolarenbereich. Zahnfarbene Klammern aus PEEK oder Ultaire AKP sind eine Alternative, aber nicht für alle Indikationen geeignet.
- Rigide Verankerung: Klammern übertragen Kräfte starr auf die Pfeilerzähne. Bei parodontal geschädigten Zähnen problematisch.
- Kein nachträgliches Erweitern: Wenn ein Pfeilerzahn verloren geht, muss ein neuer Modellguss angefertigt oder aufwendig umgearbeitet werden. Teleskoparbeiten sind hier flexibler.
Die Alternativen: Was statt Modellguss?
Flexible Prothesen (Valplast, ThermoSens)
Thermoplastische Nylonprothesen ohne Metallgerüst. Zahnfarbene Klammern, flexibler Tragekomfort.
Vorteile: Ästhetisch deutlich besser als Metall-Klammern. Leicht (ca. 50% weniger Gewicht als CoCrMo). Bruchfest (das Material biegt, statt zu brechen).
Nachteile: Keine Abstützung auf den Pfeilerzähnen — die Prothese sinkt in die Schleimhaut ein. Das führt langfristig zu Kieferkammatrophie. Keine Reparaturmöglichkeit mit konventionellem Kunststoff. Verfärbungsanfällig. Die Materialeigenschaften verschlechtern sich nach 2-3 Jahren messbar.
Indikation: Übergangsprothesen, Interimsversorgungen, Situationen mit Metallallergie. Als Langzeitversorgung nicht empfehlenswert — die Kieferkammatrophie durch fehlende Abstützung ist ein reales Problem.
PEEK-Gerüste (Polyetheretherketon)
Zahnfarbener Hochleistungskunststoff, der gefräst wird. Biegefestigkeit ca. 160-200 MPa. Zahnfarbene Klammern möglich.
Vorteile: Metallfrei, ästhetisch besser als CoCrMo, leicht, biokompatibel. PEEK lässt sich mit CAD/CAM verarbeiten — keine Gusstechnik nötig.
Nachteile: Geringere Steifigkeit als CoCrMo. Der große Verbinder muss dicker gestaltet werden (0,8-1,2 mm statt 0,4-0,6 mm bei CoCrMo), was den Tragekomfort reduziert. Klammern haben weniger Retentionskraft als Metallklammern. Begrenzte Langzeitdaten.
Indikation: Patienten mit Metallallergie (selten, aber real). Patienten mit hohem Ästhetikanspruch im Klammerbereich. Als Gerüstmaterial für herausnehmbaren Zahnersatz zunehmend relevant, aber noch kein vollwertiger CoCrMo-Ersatz.
Digitaler Modellguss (gefräst statt gegossen)
CoCrMo-Gerüste, die nicht gegossen, sondern aus einem Vollblock gefräst werden. Oder: Selektives Laserschmelzen (SLM) aus CoCrMo-Pulver.
Vorteile: Homogeneres Gefüge als Guss (keine Lunker, keine Porositäten). Bessere Passung durch digitale Konstruktion. Reproduzierbar — das gleiche Design kann jederzeit nachgefertigt werden.
Nachteile: Höhere Materialkosten (Fräsrohling oder Pulver). Nicht jede Klammergeometrie lässt sich fräsen — filigrane Klammerspitzen erfordern sehr kleine Fräser oder SLM. Investition in 5-Achs-Fräsmaschine oder SLM-Drucker (ab ca. 80.000 Euro).
Bewertung: Der digitale Modellguss ist nicht die Alternative zum Modellguss — er ist seine Weiterentwicklung. Die Indikation bleibt gleich, die Fertigungsmethode wird besser.
Wann der Modellguss 2026 noch die richtige Wahl ist
Es gibt Situationen, in denen der klassische Modellguss die technisch und wirtschaftlich sinnvollste Lösung bleibt:
1. GKV-Regelversorgung bei reduziertem Restgebiss. Patient mit 6 Restzähnen, kein Geld für Implantate, kein Bonusheft. Die Regelversorgung sieht eine Modellgussprothese vor. Der Festzuschuss deckt einen Großteil der Kosten. Alternative Versorgungen (Teleskope, Implantate) sind für den Patienten nicht finanzierbar. In diesem Fall ist der Modellguss keine zweitklassige Lösung — er ist die richtige Lösung für diese Situation.
2. Interimsversorgung vor definitiver Planung. Nach Extraktion mehrerer Zähne, wenn die Wundheilung abgewartet werden muss. Ein Modellguss mit einfacher Klammerkonfiguration stellt die Kaufunktion schnell wieder her und kann nach der Heilung durch eine definitive Versorgung ersetzt werden.
3. Geriatrische Patienten mit eingeschränkter Motorik. Teleskoparbeiten erfordern Feinmotorik beim Ein- und Ausgliedern. Für Patienten mit Morbus Parkinson, Arthrose der Hände oder kognitiven Einschränkungen kann eine Klammerprothese einfacher handhabbar sein.
4. Kombinationsfall mit strategischer Planung. Ein Modellguss kann als „Erstversorgung” dienen, um zu testen, ob der Patient mit herausnehmbarem Zahnersatz zurechtkommt — bevor in eine teure Teleskoparbeit investiert wird.
Wirtschaftliche Kalkulation: Was der Modellguss einbringt
BEL-II-Preis einer Standard-Modellgussprothese: ca. 250-350 Euro (je nach Region und Klammeranzahl).
Kalkulationsbeispiel:
- Arbeitszeit: 4-6 Stunden (Modell, Vermessen, Konstruktion, Dublieren, Einbetten, Guss, Ausarbeiten, Einsetzen der Zähne, Polymerisieren, Polieren)
- Material: ca. 30-50 Euro (CoCrMo-Legierung, Einbettmasse, Dubliersilikon, Kunststoff, Zähne)
- Umsatz: ca. 300 Euro
- Stundenumsatz: ca. 50-75 Euro
Das ist nicht berauschend. Im Vergleich: Eine monolithische Zirkonkrone bringt 80-120 Euro bei 1,5 Stunden = ca. 55-80 Euro/Stunde. Eine Teleskoparbeit: 120-180 Euro/Stunde. Der Modellguss liegt am unteren Ende der Stundenumsatz-Skala.
Aber: Der Modellguss ist Volumenwert. Ein Labor, das 20 Modellgussprothesen pro Monat fertigt, generiert 6.000 Euro Umsatz — planbar, regelmäßig, ohne Akquisitionsaufwand. Und: Die Arbeit kann von Technikern mit mittlerer Qualifikation ausgeführt werden, während Teleskoparbeiten Spezialisten erfordern.
Fazit: Nicht ausrangieren, aber auch nicht festklammern
Der Modellguss ist 2026 weder tot noch zukunftsweisend. Er ist ein solides, bewährtes Versorgungskonzept für eine klar definierte Patientengruppe — und diese Gruppe wird in den nächsten zehn Jahren nicht kleiner, sondern größer.
Kluge Labore behandeln den Modellguss nicht als Altlast, sondern als Basisprodukt: verlässlich, kalkulierbar, mit bekannten Prozessen. Gleichzeitig investieren sie in die digitale Fertigung (gefräste oder SLM-gefertigte Gerüste) und in Alternativen (PEEK, Teleskoptechnik), um den Praxen das volle Spektrum anbieten zu können.
Wer den Modellguss komplett aus dem Sortiment streicht, verliert GKV-Praxen. Wer nur Modellguss anbietet, verliert die Zukunft. Die Lösung liegt — wie so oft — in der strategischen Balance.
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