Eilaufträge im Labor: Richtig bepreisen
Eilaufträge fressen Marge, sprengen den Workflow und kosten mehr als die meisten Labore ahnen. So kalkulieren Sie Express-Zuschläge, die Ihre Kosten wirklich decken.
GetDent Redaktion
Branchenexperten für Labormanagement und Workflow-Optimierung
Freitag, 14:20 Uhr. Der Brennofen läuft auf Volllast, zwei Techniker sitzen an ihren Teleskoparbeiten für Montag, der Azubi verpackt die Lieferungen für den Fahrdienst um 15 Uhr. Das Telefon klingelt.
„Wir brauchen die Krone für Herrn M. bis morgen früh. Der Patient hat Schmerzen, der Termin steht seit drei Wochen.”
Der Laborchef seufzt. Er kennt die Praxis, guter Kunde, zahlt pünktlich. Also wird umgeplant. Der Azubi muss warten. Ein Techniker unterbricht seine Teleskoparbeit. Der Brennofen bekommt einen Sonderdurchlauf. Um 18:30 Uhr ist die Krone fertig. Der Techniker fährt sie persönlich vorbei.
Auf dem Lieferschein steht der normale Preis. Plus 25 Euro Eilzuschlag.
25 Euro für vier Stunden Chaos.
Was ein Eilauftrag wirklich kostet
Die meisten Labore rechnen beim Eilzuschlag nur die offensichtlichen Mehrkosten: vielleicht eine halbe Stunde Überstunden, vielleicht den Sonderbrand. Was sie nicht einpreisen, sind die unsichtbaren Kosten — und die sind erheblich größer.
Die verschobene Arbeit. Der Techniker, der seine Teleskoparbeit unterbrechen musste, braucht nach der Unterbrechung mindestens 15–20 Minuten, um wieder in den Arbeitsfluss zu kommen. Bei einer anspruchsvollen Verblendung oder Modellation sind es oft 30 Minuten. Nicht weil er langsam ist, sondern weil präzise handwerkliche Arbeit Konzentration erfordert, die nach einer Unterbrechung erst wieder aufgebaut werden muss.
Die Fehlerquote. Eilarbeiten unter Zeitdruck haben eine nachweislich höhere Nacharbeitsquote. Wenn Sie Ihre Remakes und Korrekturen auswerten, werden Sie feststellen, dass ein überproportionaler Anteil aus Eilaufträgen stammt. Ein Remake kostet Sie den kompletten Materialeinsatz plus die doppelte Arbeitszeit — und der Eilzuschlag ist längst aufgefressen.
Der Domino-Effekt. Ein einzelner Eilauftrag verschiebt andere Arbeiten. Die verschobene Teleskoparbeit war für Montag versprochen. Jetzt wird sie erst Dienstag fertig. Die Praxis muss den Patienten umbestellen. Zwei Wochen später wechselt diese Praxis nicht wegen der verspäteten Arbeit das Labor — aber das Vertrauen bekommt einen Kratzer, der sich summiert.
Die Logistikkosten. Sonderfahrten, Express-Versand, der Techniker der abends noch persönlich vorbeifährt. Allein eine ungeplante Einzelfahrt kostet mit Fahrzeug, Sprit und Arbeitszeit schnell 25–40 Euro. Das ist der komplette Eilzuschlag — bevor eine Minute am Zahnersatz gearbeitet wurde.
Wenn Sie ehrlich rechnen, sieht die Kalkulation für den Eilauftrag vom Freitagnachmittag so aus:
| Kostenposition | Betrag |
|---|---|
| Produktivitätsverlust unterbrochene Arbeit (0,5h × 85 € SVS) | 42,50 € |
| Überstunden Techniker (1,5h × 85 € × 1,25 Zuschlag) | 159,40 € |
| Sonderbrand Brennofen (Energie + Verschleiß) | 8,00 € |
| Sonderfahrt Lieferung | 32,00 € |
| Erhöhtes Remakerisiko (statistisch ca. 15% bei Eilaufträgen) | ~18,00 € |
| Tatsächliche Mehrkosten | ~260 € |
| Berechneter Eilzuschlag | 25 € |
Die Differenz von 235 Euro zahlt das Labor aus eigener Tasche. Bei drei Eilaufträgen pro Woche sind das über 36.000 Euro im Jahr. Unsichtbar, weil sie in keiner Kostenstellenrechnung separat auftauchen.
Warum Labore trotzdem zu wenig berechnen
Es gibt drei Gründe, warum Eilzuschläge in den meisten Laboren nicht kostendeckend sind. Und keiner davon ist rational.
Grund 1: Angst vor der Reaktion der Praxis. „Wenn ich 80 Euro Eilzuschlag nehme, ruft der Zahnarzt beim nächsten Labor an.” Diesen Satz hört man ständig. Aber denken Sie ihn zu Ende: Wenn eine Praxis bereit ist, wegen eines angemessenen Eilzuschlags das Labor zu wechseln, dann war die Geschäftsbeziehung nie so stabil, wie Sie dachten. Eine Praxis, die Ihr Handwerk schätzt, akzeptiert einen fairen Eilpreis — genauso wie Sie akzeptieren, dass der Klempner am Sonntagabend mehr kostet als am Dienstagvormittag.
Grund 2: Es fehlt die Kalkulation. Viele Labore haben schlicht nie berechnet, was ein Eilauftrag tatsächlich kostet. Der Eilzuschlag wurde irgendwann festgelegt — 20 Euro, 30 Euro, „ein bisschen was drauf” — und seitdem nie überprüft. Die Personalkosten sind seitdem um 25% gestiegen. Der Eilzuschlag nicht.
Grund 3: Eilaufträge sind Gewohnheit. In manchen Laboren sind 30–40% aller Aufträge Eilaufträge. Das ist kein Ausnahmefall mehr, das ist ein Geschäftsmodell — nur eben ein unbepreistes. Wenn Express der Normalzustand ist, gibt es keinen Normalpreis mehr, an dem man den Zuschlag messen könnte.
Eilzuschläge kalkulieren, die funktionieren
Ein seriöser Eilzuschlag basiert auf drei Faktoren:
1. Zeitfenster. Je kürzer die Frist, desto höher der Zuschlag. Das ist logisch, wird aber selten in der Preisliste abgebildet. Ein gestaffeltes Modell könnte so aussehen:
| Lieferzeit | Zuschlag | Begründung |
|---|---|---|
| Normaler Termin (5–7 Arbeitstage) | 0% | Regelfall |
| Verkürzt (3–4 Arbeitstage) | 25–35% | Umplanung nötig, machbar innerhalb der Regelarbeitszeit |
| Express (1–2 Arbeitstage) | 50–75% | Überstunden wahrscheinlich, andere Aufträge verschoben |
| Sofort / Same Day | 100–150% | Alle anderen Aufträge ruhen, Sonderlogistik, Brennofen-Extralauf |
Klingt nach viel? Rechnen Sie gegen: Ein Same-Day-Eilauftrag bei einer NEM-Krone mit normalem Abrechnungswert von 200 Euro kostet Sie — wie oben berechnet — rund 260 Euro an Mehrkosten. Ein Zuschlag von 100% bringt 200 Euro. Sie machen bei diesem Auftrag immer noch minus. Aber deutlich weniger minus als mit einem 25-Euro-Pauschalzuschlag.
2. Arbeitstyp. Eine Reparatur am Kunststoffzahn ist in 45 Minuten erledigt und stört den Workflow kaum. Eine vollverblendete Brücke als Eilauftrag sprengt einen halben Arbeitstag. Der Zuschlag muss den tatsächlichen Aufwand und die Auswirkung auf den restlichen Workflow abbilden.
3. Frequenz pro Praxis. Eine Praxis, die zweimal im Jahr einen echten Notfall hat, verdient kulante Behandlung. Eine Praxis, die jede Woche drei „Eilaufträge” schickt, hat kein Terminmanagement-Problem — sie hat ein Planungsproblem, das sie an Ihr Labor weiterreicht. Bei chronischen Eilbestellern hilft ein offenes Gespräch mehr als jeder Zuschlag.
Die unangenehme Frage: Nein sagen lernen
Nicht jeder Eilauftrag ist ein Eilauftrag.
In vielen Fällen ist die vermeintliche Dringlichkeit keine medizinische Notwendigkeit, sondern eine Terminplanung der Praxis, die zu eng kalkuliert wurde. Der Patient hat den Termin seit vier Wochen, der Abdruck ging aber erst vor zwei Tagen raus. Das ist kein Notfall. Das ist ein Versäumnis der Praxis, das zum Problem des Labors gemacht wird.
Labore, die lernen, diese Situationen zu erkennen und offen anzusprechen, gewinnen langfristig. Nicht mit einem patzigen „Das ist nicht unser Problem”, sondern mit einem sachlichen: „Wir machen das gerne als Eilauftrag mit Express-Zuschlag. Oder wir liefern zum regulären Termin in fünf Tagen — dann können wir die gewohnte Qualität ohne Zeitdruck garantieren.”
Diese Formulierung gibt der Praxis die Wahl. Die meisten entscheiden sich für den regulären Termin, sobald sie die Kosten der Alternative kennen.
Und die echten Notfälle — ein gebrochenes Provisorium, ein Patient mit Schmerzen, eine Nacharbeit die auf Ihren Fehler zurückgeht? Die machen Sie selbstverständlich sofort und ohne Aufschlag. Das ist Handwerk, das ist Partnerschaft, das ist der Grund warum Praxen Ihnen treu bleiben.
Eilaufträge als Management-Signal
Wenn Sie Ihre Eilaufträge über drei Monate tracken, zeigen sich Muster, die Ihnen mehr über Ihr Labor verraten als jede BWA.
Welche Praxen bestellen regelmäßig als Eilauftrag? Wenn es immer dieselben drei Praxen sind, brauchen Sie keine bessere Eilzuschlag-Staffel — Sie brauchen ein Gespräch über Terminplanung und Abdruckzeitpunkte.
Welche Arbeitstage sind am häufigsten betroffen? Wenn 60% Ihrer Eilaufträge freitags eingehen, liegt das nicht an der Statistik. Es liegt an Praxen, die Freitagspatienten versorgen und das Wochenende als kostenlosen Puffer betrachten. Wissen Sie, wann Eilaufträge typischerweise kommen, können Sie Ihre Wochenplanung darauf abstimmen — oder kommunizieren, dass Freitagseingänge grundsätzlich als Express behandelt werden.
Wie hoch ist die Remakequote bei Eilarbeiten? Wenn Ihre normale Nacharbeitsquote bei 3% liegt und bei Eilaufträgen bei 8–12%, haben Sie den Beweis, dass Zeitdruck Qualität kostet. Das ist ein Argument, das auch gegenüber Praxen zieht: „Wir machen lieber einen Tag länger und Sie haben eine Arbeit, die beim Einsetzen sitzt.”
Wie viel Prozent Ihres Umsatzes sind Eilaufträge? Alles unter 10% ist normaler Betrieb. Zwischen 10% und 20% lohnt sich eine Prozessoptimierung. Über 20% haben Sie ein strukturelles Problem, das Sie nicht mit Zuschlägen lösen können, sondern nur mit einer grundsätzlichen Veränderung in der Zusammenarbeit mit Ihren Praxen.
Ein Eilzuschlag-System einführen — ohne Kunden zu verlieren
Die Umstellung auf kostendeckende Eilzuschläge ist kein Moment, in dem Sie eine neue Preisliste per Post verschicken und hoffen, dass niemand anruft. Es ist ein Gespräch.
Erstens: Dokumentieren Sie Ihre tatsächlichen Eilkosten. Drei Monate lang jeden Eilauftrag mit allen Folgekosten erfassen — Überstunden, Sonderfahrten, verschobene Aufträge, eventuelle Nacharbeiten. Die Zahlen sprechen für sich.
Zweitens: Informieren Sie Ihre Top-20-Praxen persönlich. Nicht per Rundschreiben, nicht per E-Mail. Ein kurzes Telefonat oder ein Gespräch beim nächsten Besuch. „Wir passen unsere Eilzuschläge an, weil die bisherigen Sätze die tatsächlichen Kosten nicht gedeckt haben. Reguläre Aufträge bleiben preislich unverändert. Bei echten Notfällen finden wir immer eine Lösung.”
Drittens: Bieten Sie eine Alternative. Praxen, die häufig eilige Aufträge haben, können einen festen Expressvertrag bekommen: ein monatlicher Pauschalbetrag, dafür garantierte Bearbeitung innerhalb von 48 Stunden für eine definierte Anzahl an Aufträgen. Das gibt der Praxis Planungssicherheit und Ihnen verlässliche Mehreinnahmen.
Viertens: Seien Sie konsequent. Ein Eilzuschlag, der beim ersten Widerspruch wegverhandelt wird, ist kein Eilzuschlag. Er ist eine Verhandlungseröffnung. Wenn Sie den Zuschlag als angemessen kalkuliert haben, stehen Sie dazu. Ein Preisnachlass auf den Eilzuschlag ist wie ein Rabatt auf Ihre Selbstkosten — er kommt direkt aus Ihrem Gewinn.
Was morgen anders sein kann
Öffnen Sie Ihre Auftragsübersicht der letzten vier Wochen. Markieren Sie jeden Auftrag, der als Eilauftrag eingegangen ist. Rechnen Sie die tatsächlichen Eilzuschläge zusammen, die Sie dafür berechnet haben. Dann rechnen Sie dagegen, was die Eilaufträge Sie tatsächlich gekostet haben — mit der Tabelle oben als Orientierung.
Die Differenz ist der Betrag, den Sie jeden Monat verschenken.
Kein Laborchef würde ein Material zum Einkaufspreis weiterverkaufen. Aber genau das tun Sie bei Eilaufträgen, wenn Ihr Zuschlag die Mehrkosten nicht deckt. Der einzige Unterschied: Beim Material sehen Sie den Verlust sofort auf der Rechnung. Bei den Eilkosten versteckt er sich in Überstunden, verschobenen Aufträgen und einer Nacharbeitsquote, die niemand separat auswertet.
Das zu ändern kostet keinen Cent. Es kostet nur die Bereitschaft, hinzuschauen.
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